Analyse mit Massenpsychologie, Rational Choice und Netzwerktheorie
📖 Lesedauer: 6 Minuten
Datum: 2025-01-13
1. EREIGNIS & KONTEXT
Eine junge Frau filmt mit ihrem Smartphone, wie Tausende Menschen in Isfahan skandieren: “Tod dem Regime!” Sekunden später knackt ein Schuss. Die Kamera wackelt, das Bild wird schwarz. Doch das Video verbreitet sich trotz Internet-Blockaden – über VPNs, über Satellitenverbindungen, über jede noch funktionierende digitale Lücke. Und am nächsten Tag sind die Straßen wieder voll.
Seit Ende Dezember erschüttern Massenproteste den Iran. Nach Berichten von Exilmedien sind bereits über 12.000 Menschen getötet worden – das größte Massaker der jüngeren iranischen Geschichte. Das Regime reagiert mit massiver Gewalt: In kurdischen Provinzen wird scharf geschossen, in Teheran setzt man auf Massenverhaftungen und Tränengas. Trotz Internet-Blockaden und systematischer Repression gehen weiterhin Menschen in Teheran, Isfahan, Mashhad und anderen Städten auf die Straße.
Dies wirft eine fundamentale Frage auf: Wie lässt sich kollektives Handeln erklären, das rational betrachtet selbstmörderisch erscheint? Warum riskieren Menschen ihr Leben, obwohl die Erfolgschancen – vor allem zu Beginn von Protesten – gering und die Kosten extrem hoch sind?
Zentrale Fakten:
- Über 12.000 Tote seit Ende Dezember (laut Exilmedien)
- Proteste in Teheran, Isfahan, Mashhad, kurdischen Regionen
- Scharfschützen in kurdischen Provinzen, Massenverhaftungen in Teheran
- Internet-Blockaden durch Regime, aber Proteste gehen weiter
- Historischer Kontext: Vorherige Protestwellen 2009 (“Grüne Bewegung”), 2019, 2022 (“Frau Leben Freiheit”)
Quellen: taz.de, Reuters, Exilmedien
2. THEORETISCHE LINSEN
A) Massenpsychologie: Die emotionale Transformation in der Menge
Die Massenpsychologie, begründet durch Gustave Le Bon (1895) und radikal weiterentwickelt durch moderne Crowd-Forschung, untersucht, wie Menschen in Menschenmengen psychologische Transformationen durchlaufen. Während Le Bon noch von einem Verlust der Rationalität sprach, zeigen neuere Ansätze (Stephen Reicher, Clifford Stott): Massen entwickeln eine neue, geteilte soziale Identität.
Zentrale Mechanismen:
- Kollektive Identitätsbildung: Aus “Ich” wird “Wir”
- Emotionale Ansteckung: Gefühle verbreiten sich wie Wellen durch die Menge
- Anonymität und Deindividuation: Verringertes Gefühl individueller Verantwortung
- Physische Kopräsenz: Die Sichtbarkeit anderer verstärkt Emotionen
Anwendung auf Iran-Proteste 2025/26:
In den Iran-Protesten entstehen kollektive Emotionen von enormer Intensität: Wut über jahrzehntelange wirtschaftliche Misere und Korruption, Trauer über systematische Unterdrückung, verzweifelte Hoffnung auf Wandel. Diese Emotionen werden durch physische Kopräsenz verstärkt. Wenn Tausende gemeinsam skandieren, entsteht ein Gefühl überwältigender Macht – das individuelle Risikoempfinden sinkt dramatisch.
Konkrete Beispiele: Videos zeigen, wie einzelne mutige Personen anfangen zu rufen, und innerhalb von Sekunden stimmt die ganze Menge ein. Diese emotionale Ansteckung funktioniert wie eine Welle: Der Mut einzelner überträgt sich auf andere, die wiederum andere anstecken. Das Gefühl “wir sind viele, wir sind nicht allein” erzeugt eine kollektive Identität, die über rationale Kosten-Nutzen-Kalküle hinausgeht.
Die Anonymität in der Masse bietet zudem psychologischen Schutz: Der Einzelne fühlt sich weniger exponiert als jemand, der alleine auf der Straße steht. Interessanterweise verstärken die verbreiteten Videos diese Dynamik und schaffen eine virtuelle Masse – Menschen, die die Videos sehen, fühlen sich Teil einer größeren Bewegung, selbst wenn sie physisch nicht vor Ort sind.
Grenzen: Die Theorie erklärt nicht, warum bestimmte Menschen in die Massen gehen und andere nicht. Sie unterschätzt die Rolle bewusster strategischer Überlegungen und politischer Organisation. Zudem: Moderne Protestforschung zeigt, dass Massen koordinierter und rationaler agieren als Le Bon suggerierte. Die Frage nach dem Timing – warum gerade jetzt? – bleibt weitgehend unbeantwortet.
B) Rational Choice: Kalkül unter Extrembedingungen
Die Rational-Choice-Theorie, interdisziplinär vor allem verwurzelt in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, betrachtet politisches Handeln als Ergebnis rationaler Kosten-Nutzen-Abwägungen. Individuen maximieren ihren erwarteten Nutzen unter Berücksichtigung von Kosten, Wahrscheinlichkeiten und verfügbaren Informationen.
Das Kollektivgutproblem (Mancur Olson): Kollektives Handeln ist oft irrational für das Individuum. Wenn viele Menschen protestieren und das Regime stürzen, profitieren alle – auch jene, die nicht protestiert haben (Trittbrettfahrer). Warum also das persönliche Risiko eingehen? Theoretische Erweiterungen bieten Lösungen: selective incentives (individuelle Anreize), erweiterte Nutzenbegriffe (moralische Zufriedenheit zählt auch) und Informationskaskaden (wenn viele mitmachen, ändert sich die Wahrscheinlichkeitseinschätzung).
Anwendung auf Iran-Proteste 2025/26:
Auf den ersten Blick scheint Rational Choice hier zu scheitern: Die Kosten (Tod, Folter, Verhaftung) übersteigen jeden individuellen Nutzen bei weitem. Doch eine differenzierte Anwendung zeigt komplexere Mechanismen:
Erstens – Veränderte Baseline: Die Kosten des Nicht-Handelns sind massiv gestiegen. Die wirtschaftliche Situation ist katastrophal (Inflation über 40%, Jugendarbeitslosigkeit, internationale Sanktionen), systematische Unterdrückung ist alltäglich. Der Status quo ist für viele Menschen selbst extrem risikoreich geworden – das Baseline-Risiko des einfachen Weiterlebens unter dem Regime ist hoch. Protestieren fügt dem bestehenden Risiko “nur noch” ein weiteres hinzu.
Zweitens – Kollektiver Nutzen: Der erwartete Nutzen ist nicht rein individuell. Menschen maximieren auch den Nutzen ihrer Familie, ihrer ethnischen Gruppe (besonders relevant in kurdischen Regionen), ihrer Gemeinschaft und zukünftiger Generationen. Der potenzielle Systemwechsel hat einen kollektiven Nutzen, der die individuellen Kosten übersteigen kann – besonders wenn man Kinder hat, denen man eine bessere Zukunft ermöglichen will.
Drittens – Moralische Motive im Kalkül: Für viele ist es eine Frage der Würde und Selbstachtung. Der psychologische Nutzen, der eigenen Überzeugung treu zu bleiben und nicht als Feigling dazustehen, ist real und messbar. Wer nicht protestiert, riskiert sozialen Druck in bestimmten Milieus (selective incentives funktionieren auch negativ).
Viertens – Informationskaskaden: Dies beschreibt einen Prozess, bei dem Menschen ihre Entscheidungen an den Handlungen anderer ausrichten. Wenn viele protestieren, steigt die subjektive Wahrscheinlichkeit, dass das Regime fällt – was wiederum den erwarteten Nutzen erhöht und mehr Menschen zum Mitmachen bewegt. Ein sich selbst verstärkender Mechanismus: Je mehr mitmachen, desto rationaler wird es für den Einzelnen, auch mitzumachen.
Grenzen: Die Theorie hat Schwierigkeiten, den Moment des “Tipping Points” zu erklären – den Augenblick, in dem plötzlich eine kritische Masse erreicht ist. Sie unterschätzt emotionale und identitätsbezogene Faktoren, die nicht leicht in Nutzenkalküle übersetzbar sind. Zudem setzt sie oft unrealistische Informationsannahmen voraus: In Wirklichkeit haben Protestierende unvollständige, verzerrte Informationen über Erfolgswahrscheinlichkeiten.
C) Netzwerktheorie: Mobilisierung durch digitale und soziale Strukturen
Die Netzwerktheorie aus der Informatik und Physik analysiert, wie Informationen und Verhaltensweisen sich durch vernetzte Strukturen ausbreiten. Sie untersucht Hubs (zentrale Knotenpunkte), Cluster (dichte lokale Netzwerke) und schwache Bindungen (Verbindungen zwischen verschiedenen Gruppen).
Zentrale Konzepte:
- Small-World-Networks: Wenige Schritte genügen, um von einem Knoten zu jedem anderen zu gelangen
- Cascading Behavior: Verhaltensweisen breiten sich kaskadenartig aus, wenn bestimmte Schwellenwerte überschritten werden
- Robustheit und Vulnerabilität: Netzwerke können gezielt gestört werden, sind aber auch überraschend widerstandsfähig
Anwendung auf Iran-Proteste 2025/26:
Trotz Internet-Blockaden verbreiten sich Protest-Videos und Mobilisierungsaufrufe weiterhin. Wie? Die Netzwerkperspektive zeigt: Das iranische Protestnetzwerk ist dezentral und redundant. Es gibt keine einzelne zentrale Organisation, die man ausschalten könnte. Stattdessen existieren zahlreiche lokale Cluster (Nachbarschaften, Universitäten, ethnische Gemeinschaften), die über schwache Bindungen miteinander verbunden sind.
Digitale Resilienz: Aktivisten nutzen VPNs, Tor-Browser, Satelliteninternet (Starlink) und Mesh-Networks. Selbst wenn das Regime 90% der Verbindungen blockiert, genügen die verbliebenen 10%, um Information weiterzugeben. Die Netzwerkstruktur zeigt “Scale-Free”-Eigenschaften: Einige wenige Hubs (sehr vernetzte Personen) spielen eine überproportionale Rolle bei der Verbreitung.
Mobilisierungskaskaden: Wenn in einem dichten lokalen Cluster (z.B. einer Universität) viele Personen aktiv werden, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit dramatisch, dass weitere Personen mitmachen. Dies erklärt, warum Proteste oft an bestimmten Orten “explodieren”, während sie anderswo nicht zünden – die lokale Netzwerkdichte ist unterschiedlich.
Grenzen: Die Netzwerktheorie ist stark in der Erklärung von Verbreitung, aber schwach in der Erklärung von Motivation. Sie sagt wenig darüber aus, warum Menschen das Netzwerk nutzen, um zu protestieren. Zudem unterschätzt sie oft die Bedeutung von Inhalten und Emotionen – ein Netzwerk verbreitet nicht automatisch jede Information gleich effektiv.
3. SYNTHESE & ANALYSE
Die drei Perspektiven sind nicht widersprüchlich, sondern beleuchten verschiedene Ebenen desselben Phänomens:
Mikro-Ebene (Psychologie): Massenpsychologie erklärt die emotionalen und identitätsbezogenen Mechanismen, durch die das Individuum in der Menge transformiert wird. Sie zeigt, wie Menschen den Mut finden, auf die Straße zu gehen.
Meso-Ebene (Netzwerke): Netzwerktheorie erklärt die Strukturen, durch die Mobilisierung stattfindet – trotz Repression und Internet-Blockaden. Sie zeigt, durch welche Kanäle sich Protest ausbreitet.
Makro-Ebene (Ökonomie): Rational Choice zeigt, dass selbst unter Extrembedingungen eine erweiterte Rationalität existiert. Sie erklärt, warum Menschen unter bestimmten Bedingungen protestieren (wenn der Nutzen die Kosten übersteigt).
Integrative Betrachtung: Menschen treffen durchaus rationale Entscheidungen (Rational Choice), aber (1) ihre Rationalität ist begrenzt durch Emotionen und kognitive Verzerrungen (Massenpsychologie), (2) ihre Entscheidungen sind eingebettet in soziale Netzwerke, die Information und Verhalten kanalisieren (Netzwerktheorie), und (3) die Masse selbst verändert die Parameter des rationalen Kalküls.
Was alle drei Ansätze tendenziell unterbeleuchten:
- Historische Pfadabhängigkeit: Die Erinnerung an 1979 (Revolution), 2009 (“Grüne Bewegung”), 2019 und 2022 (“Frau Leben Freiheit”) prägt Erwartungen
- Narrative und symbolische Politik: Die Rolle von Slogans, Symbolen, kollektiver Erinnerung
- Externe Faktoren: Internationale Solidarität, Sanktionen, Diaspora-Mobilisierung
- Gender-Dimension: Die besondere Rolle von Frauen in der aktuellen Protestbewegung
Die Iran-Proteste zeigen: Menschen sind zu außergewöhnlichem Mut fähig, wenn multiple Faktoren zusammenkommen – unerträgliche Verhältnisse (rationales Kalkül), kollektive Identität (Massenpsychologie), robuste Netzwerkstrukturen (Informationstechnologie) und die Hoffnung auf Wandel.
4. LITERATUREMPFEHLUNGEN
Einführend: Clark McPhail: The Myth of the Madding Crowd (1991) Zugängliche Dekonstruktion klassischer Massenpsychologie mit empirisch fundierter Analyse kollektiven Verhaltens. Zeigt, wie Massen koordinierter und rationaler agieren als Le Bon suggerierte. Perfekt für den Einstieg, da es mit populären Mythen aufräumt.
Vertiefend: Susanne Lohmann: The Dynamics of Informational Cascades: The Monday Demonstrations in Leipzig, East Germany, 1989-91 in: World Politics 47(1), 1994 Formale Modellierung, wie rationale Akteure unter Unsicherheit Proteste auslösen können. Klassische Anwendung von Rational Choice auf revolutionäre Massenmobilisierung. Der Leipzig-Fall ist strukturell sehr ähnlich zu Iran (autoritäres Regime, Informationsblockade, plötzliche Eskalation).
Interdisziplinär: Duncan Watts: Six Degrees: The Science of a Connected Age (2003) Verständliche Einführung in Netzwerktheorie mit Anwendungen auf soziale Phänomene. Erklärt, wie sich Verhaltensweisen durch Netzwerke ausbreiten.
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