Trumps Außenpolitik durch die Linse des Realismus

Heute schielen wir als politische Soziolog:innen in unsere Nachbardisziplin Politikwissenschaft. Willkommen zu “Ein bisschen Soziologie schadet nie!”

Die theoretischen Grundlagen

Der klassische Realismus (Morgenthau, Carr) und der Neorealismus (Waltz, Mearsheimer) teilen einige Kernannahmen, die für die Analyse von Trumps Außenpolitik aufschlussreich sind:

Staaten als zentrale Akteure: Das internationale System besteht primär aus souveränen Staaten, die in einem anarchischen Umfeld agieren – es gibt keine übergeordnete Weltregierung. Internationale Institutionen, NGOs und Unternehmen sind aus dieser Sicht sekundär.

Machtmaximierung und Sicherheit: Staaten streben nach Macht und Sicherheit. Beim klassischen Realismus liegt das in der menschlichen Natur begründet, beim Neorealismus in der Struktur des internationalen Systems selbst.

Nullsummendenken: Gewinne eines Staates werden tendenziell als Verluste eines anderen interpretiert.

Trumps Außenpolitik im realistischen Rahmen

Trumps Rhetorik und Politik lassen sich erstaunlich gut mit realistischen Kategorien beschreiben:

“America First” als klassischer Nationalismus: Die explizite Priorisierung nationaler Interessen über multilaterale Kooperation entspricht dem realistischen Grundsatz, dass Staaten eigennützig handeln und dies auch sollten.

Skepsis gegenüber Institutionen: Die Kritik an NATO, WTO, UN und Klimaabkommen spiegelt die realistische Skepsis wider, dass internationale Institutionen tatsächlich staatliches Verhalten fundamental ändern können.

Bilateralismus statt Multilateralismus: Die Präferenz für bilaterale Deals entspricht der Logik, dass mächtige Staaten in asymmetrischen Zweierbeziehungen mehr durchsetzen können.

Kritische Einordnung

Allerdings gibt es auch Spannungen zwischen Trumps Politik und realistischer Theorie:

Unberechenbarkeit vs. Rationalität: Der Realismus nimmt rationale Akteure an. Trumps oft erratisches Vorgehen – etwa spontane Gipfeltreffen mit Nordkorea oder abrupte Politikwechsel – widerspricht dem Bild des kühl kalkulierenden Staatsmanns.

Wirtschaft vs. Sicherheit: Klassische Realisten priorisieren militärische Sicherheit. Trumps Fokus auf Handelsbilanzen und wirtschaftliche Deals verschiebt den Machtbegriff.

Offensive vs. defensive Realisten: Mearsheimers offensiver Realismus würde eher eine aggressive Eindämmung Chinas erwarten, während defensive Realisten vor Überdehnung warnen würden.


Literaturempfehlungen

Zum Einstieg

Carlo Masala (2016): Weltunordnung. Die globalen Krisen und das Versagen des Westens. München: C.H. Beck.

Masala, Professor an der Bundeswehr-Universität München, schreibt aus dezidiert realistischer Perspektive und wendet die Theorie auf aktuelle Krisen an – gut lesbar und auf Deutsch.

Zur Vertiefung

John J. Mearsheimer (2001): The Tragedy of Great Power Politics. New York: W.W. Norton.

Der Klassiker des offensiven Neorealismus. Mearsheimer argumentiert, dass Großmächte strukturell zur Hegemoniekonkurrenz gezwungen sind – hochrelevant für die aktuelle US-China-Dynamik und Trumps Großmachtpolitik.



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