Ein Streit um einen Putzwagen landet vor Gericht – und wir können nicht wegsehen. Was sagt das über uns? – Ein Post aus der Reihe “Ein bisschen Soziologie schadet nie!”
Als die Süddeutsche Zeitung über einen Streit berichtete, der wegen eines Putzwagens am Landratsamt München eskalierte und schließlich vor Gericht landete, scrollten Tausende nicht einfach weiter. Sie lasen. Sie kommentierten. Sie diskutierten. Aber warum eigentlich? Es ist ja nur ein Putzwagen. Nur ein Flur. Nur zwei Menschen, die sich über etwas Banales stritten, das dann außer Kontrolle geriet.
Die Antwort findet sich nicht im Putzwagen selbst – sondern in dem, was er für uns alle repräsentiert: die unsichtbaren Regeln, die unseren Alltag zusammenhalten.
Die Bühne des Alltags
Der Soziologe Erving Goffman hat in den 1950er- und 1960er-Jahren eine verblüffend einfache These entwickelt: Unser gesamtes soziales Leben ist eine Bühnenaufführung (Goffman 1959). Nicht im Sinne von “unecht” oder “gespielt” – sondern im Sinne von: Wir alle folgen ständig Skripten, spielen Rollen und achten penibel darauf, dass die Aufführung nicht zusammenbricht.
Denken Sie an Ihren letzten Behördengang. Sie wussten genau, wie man sich dort verhält: Wo man wartet. Wie laut man spricht. Wie man mit dem Personal umgeht. Niemand hat Ihnen das explizit beigebracht – Sie haben es durch jahrelange Beobachtung gelernt. Diese unsichtbaren Regeln nennt Goffman “Interaktionsrituale”: kleine, repetitive Verhaltensweisen, die die soziale Ordnung aufrechterhalten (Goffman 1967).
Wenn das Skript reißt
Ein Putzwagen im Flur eines Landratsamt ist Teil dieses Skripts. Er steht dort, wo er stehen darf. Er blockiert, was er blockieren darf. Und normalerweise navigieren wir alle elegant um solche alltäglichen Hindernisse herum – mit einer stummen, aber präzisen Choreografie aus Ausweichen, Nicken und vielleicht einem gemurmelten “Entschuldigung”.
Aber was passiert, wenn jemand das Skript nicht mitspielt? Wenn jemand den Putzwagen nicht als gegebenes Hindernis akzeptiert, sondern als Affront? Dann bricht etwas auf, das Goffman “face-work” nennt: die Arbeit, die wir alle leisten, um das Gesicht – unsere soziale Würde – zu wahren (Goffman 1967).
Ein Streit um einen Putzwagen ist niemals nur ein Streit um einen Putzwagen. Er ist ein Streit darüber, wer hier die Regeln bestimmt. Wer im Recht ist. Wer respektiert wird. Und wenn diese Auseinandersetzung so sehr eskaliert, dass sie vor Gericht landet, haben wir es mit einem kompletten Zusammenbruch der alltäglichen Interaktionsordnung zu tun.
Warum wir hinschauen müssen
Jetzt wird es interessant: Warum interessiert uns das? Goffman würde sagen: Weil Regelverletzungen uns etwas über die Regeln selbst verraten (Goffman 1963). Solange alle mitspielen, bleiben die Regeln unsichtbar. Erst wenn jemand sie bricht, werden sie sichtbar – und damit verhandelbar.
Wenn wir von einem Putzwagen-Streit lesen, der vor Gericht endet, erleben wir eine seltene Transparenz der sozialen Ordnung. Wir sehen, wie dünn die Schicht der Zivilisiertheit manchmal ist. Wir sehen, wie schnell aus einer Nichtigkeit ein Konflikt werden kann. Und wir sehen – vielleicht am wichtigsten – uns selbst.
Denn insgeheim wissen wir alle: Auch wir haben schon in solchen Momenten gestanden. Auch wir haben uns schon über Kleinigkeiten aufgeregt, die rational betrachtet keine Aufregung wert sind. Der Unterschied ist nur: Wir haben es geschafft, das Skript wieder aufzunehmen. Wir haben “face-work” geleistet, die Situation gerettet, das Gesicht gewahrt.
Der Alltag als Meisterleistung
Was Goffman uns letztlich zeigt: Der reibungslose Alltag ist kein Naturzustand, sondern eine kollektive Meisterleistung (Goffman 1959). Jede gelungene Interaktion – jedes höfliche Ausweichen im Flur, jedes geduldige Warten in der Schlange, jedes freundliche Nicken – ist ein kleiner Triumph der sozialen Ordnung über das Chaos.
Und wenn dann doch mal etwas schiefgeht? Wenn aus einem Putzwagen-Moment ein Gerichtstermin wird? Dann schauen wir hin. Nicht aus Schadenfreude (nur). Sondern weil uns diese Geschichten daran erinnern, wie wertvoll und zugleich fragil unsere alltägliche Ordnung ist.
Der nächste Putzwagen im Flur wird Ihnen vielleicht anders vorkommen. Nicht als Hindernis – sondern als Test: Werden wir das Skript wieder aufnehmen? Werden wir die Choreografie weitertanzen? Oder wird heute der Tag sein, an dem alles zusammenbricht?
Meistens entscheiden wir uns für das Skript. Und das ist, soziologisch betrachtet, ein kleines Wunder.
P.S.: Teste Deine eigene Wahrnehmung: Warum müssen es immer PutzFRAUEN und HausMEISTER sein?
Zum Weiterlesen
Für den Einstieg:
Goffman, Erving (2003): Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. München: Piper. (Original: 1959)
→ Das Buch liest sich wie ein guter Roman und zeigt an alltäglichen Beispielen, wie wir ständig “performen”. Perfekt für den Anfang.
Für die Vertiefung:
Goffman, Erving (1971): Interaktionsrituale. Über Verhalten in direkter Kommunikation. Frankfurt am Main: Suhrkamp. (Original: 1967)
→ Hier wird es theoretischer: Wie funktionieren die unsichtbaren Regeln? Was passiert, wenn sie brechen? Und warum reparieren wir sie überhaupt? Goffmans wichtigstes Werk zu den Mechanismen sozialer Ordnung.
English Version
Why a Cleaning Cart Dispute Fascinates Us: The Fragile Order of Everyday Life
A dispute over a cleaning cart ends up in court – and we can’t look away. What does this say about us?
When the Süddeutsche Zeitung reported on a dispute that escalated over a cleaning cart at the Munich district office and eventually ended up in court, thousands didn’t just scroll past. They read. They commented. They discussed. But why? It’s just a cleaning cart. Just a hallway. Just two people arguing over something banal that then spiraled out of control.
The answer isn’t in the cleaning cart itself – but in what it represents for all of us: the invisible rules that hold our everyday lives together.
The Stage of Everyday Life
Sociologist Erving Goffman developed a strikingly simple thesis in the 1950s and 1960s: Our entire social life is a theatrical performance (Goffman 1959). Not in the sense of “fake” or “acted” – but in the sense that we all constantly follow scripts, play roles, and meticulously ensure the performance doesn’t fall apart.
Think about your last visit to a government office. You knew exactly how to behave: where to wait, how loud to speak, how to interact with staff. No one explicitly taught you this – you learned it through years of observation. Goffman calls these invisible rules “interaction rituals”: small, repetitive behaviors that maintain social order (Goffman 1967).
When the Script Tears
A cleaning cart in the hallway of a district office is part of this script. It stands where it’s allowed to stand. It blocks what it’s allowed to block. And normally, we all navigate elegantly around such everyday obstacles – with a silent but precise choreography of dodging, nodding, and perhaps a mumbled “excuse me.”
But what happens when someone doesn’t play along with the script? When someone doesn’t accept the cleaning cart as a given obstacle but as an affront? Then something breaks open that Goffman calls “face-work”: the work we all do to maintain face – our social dignity (Goffman 1967).
A dispute over a cleaning cart is never just about a cleaning cart. It’s about who makes the rules here. Who is right. Who is respected. And when this confrontation escalates so much that it ends up in court, we’re dealing with a complete breakdown of everyday interaction order.
Why We Must Look
Now it gets interesting: Why do we care? Goffman would say: Because rule violations reveal something about the rules themselves (Goffman 1963). As long as everyone plays along, the rules remain invisible. Only when someone breaks them do they become visible – and thus negotiable.
When we read about a cleaning cart dispute that ends in court, we experience a rare transparency of social order. We see how thin the veneer of civility sometimes is. We see how quickly a triviality can become a conflict. And we see – perhaps most importantly – ourselves.
Because secretly, we all know: We’ve all been in such moments too. We’ve all gotten upset about small things that, rationally speaking, aren’t worth the upset. The difference is only: We managed to pick up the script again. We performed “face-work,” saved the situation, maintained face.
Everyday Life as a Masterpiece
What Goffman ultimately shows us: Smooth everyday life is not a natural state but a collective masterpiece (Goffman 1959). Every successful interaction – every polite dodge in the hallway, every patient wait in line, every friendly nod – is a small triumph of social order over chaos.
And when something does go wrong? When a cleaning cart moment becomes a court date? Then we look. Not just out of schadenfreude. But because these stories remind us how valuable and simultaneously fragile our everyday order is.
The next cleaning cart in the hallway might seem different to you. Not as an obstacle – but as a test: Will we pick up the script again? Will we continue dancing the choreography? Or will today be the day when everything falls apart?
Most of the time, we choose the script. And that, sociologically speaking, is a small miracle.
P.S.: Test your own mind: Why does it always have to be cleaning ladies and male caretakers?
Further Reading
For Beginners:
Goffman, Erving (1959): The Presentation of Self in Everyday Life. New York: Anchor Books.
→ This book reads like a good novel and shows through everyday examples how we constantly “perform.” Perfect for getting started.
For Deeper Exploration:
Goffman, Erving (1967): Interaction Ritual: Essays on Face-to-Face Behavior. New York: Pantheon Books.
→ Here it gets more theoretical: How do the invisible rules work? What happens when they break? And why do we repair them at all? Goffman’s most important work on the mechanisms of social order.


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