Traineeprogramme: Der ideale Einstieg für alle, die noch nicht genau wissen, wohin die Reise geht

Du scrollst durch Jobportale, und neben klassischen Einstiegspositionen mit dem Zusatz “Junior” fallen dir immer wieder diese mysteriösen Traineeprogramme auf. Zwei Jahre Rotation durch verschiedene Abteilungen, strukturierte Einarbeitung, Fortbildungen – klingt eigentlich ganz gut. Aber ist das wirklich was für dich? Oder solltest du lieber direkt in eine feste Position einsteigen?

Lass mich dir aus meiner langjährigen Erfahrung in der Karriereberatung eines sagen: Wenn du nach dem Studium noch nicht zu hundert Prozent weißt, in welchem Bereich du landen willst, kann ein Traineeprogramm genau der richtige Weg sein. Und das ist keine Schwäche, sondern vollkommen normal. Viele Studierende haben zwar eine grobe Vorstellung ihrer beruflichen Richtung, aber die konkrete Spezialisierung – Controlling oder Projektmanagement? Marketing oder Vertrieb? – bleibt oft noch nebulös.

Was ist ein Traineeprogramm eigentlich?

Ein Traineeprogramm ist deutlich mehr als ein verlängertes Praktikum. Du arbeitest Vollzeit, beziehst ein volles Gehalt und bist als vollwertige Mitarbeiterin oder vollwertiger Mitarbeiter in den verschiedenen Abteilungen eines Unternehmens eingesetzt. Der große Unterschied zum Direkteinstieg: Du bleibst nicht in einem Bereich, sondern rotierst über meist 18 bis 24 Monate durch verschiedene Unternehmensbereiche.

Ich erinnere mich an eine Studentin, die nach ihrem geistes- und sozialwissenschaftlichen Studium ein Traineeprogramm bei einem mittelständischen Maschinenbauunternehmen – zunächst ganz fachfremd – begann. Sie hatte sich ursprünglich für den Personalbereich interessiert, stellte aber während ihrer Station im Projektmanagement fest, dass ihr diese Arbeit viel besser lag. Ohne das Traineeprogramm hätte sie diese Entdeckung vielleicht nie gemacht – oder erst nach Jahren im falschen Job.

Gehalt und Rahmenbedingungen

Was verdienst du als Trainee? Die meisten Programme liegen zwischen 35.000 und 60.000 Euro Jahresgehalt. Das ist durchaus vergleichbar mit einer direkten Einstiegsposition und hängt natürlich von Branche, Standort und Unternehmensgröße ab. In der Automobilindustrie oder Unternehmensberatung kannst du eher am oberen Ende dieser Spanne einsteigen, in NGOs oder kleineren Mittelständlern eher am unteren.

Wichtig: Deine Stelle ist in der Regel auf die Dauer des Programms befristet. Aber – und das ist entscheidend – die Übernahmechancen stehen sehr gut. Welches Unternehmen würde schon zwei Jahre in deine Einarbeitung investieren, dich mit der Unternehmenskultur vertraut machen und in zahlreichen Fortbildungen fit für den Job machen, ohne das Ziel, dich langfristig zu binden? Das ergibt wirtschaftlich keinen Sinn.

Der große Vorteil: Orientierung mit Sicherheitsnetz

Was macht Traineeprogramme nun so attraktiv für Unentschlossene? Es ist diese Kombination aus strukturierter Einarbeitung und der Freiheit, verschiedene Bereiche kennenzulernen, bevor du dich festlegst.

Während des Programms sammelst du Erfahrungen in die Breite. Du lernst verschiedene Funktionsbereiche eines Unternehmens kennen – vom Controlling über Marketing bis zur Logistik. Das gibt dir nicht nur einen umfassenden Überblick, sondern auch die Möglichkeit herauszufinden, was dir wirklich liegt. Und das ist unglaublich wertvoll, denn im Studium hast du oft nur theoretisches Wissen über verschiedene Berufsfelder, aber kaum praktische Erfahrung.

Ein weiterer, oft unterschätzter Aspekt: Du baust dir ein breites Netzwerk im Unternehmen auf. Du lernst Menschen aus verschiedenen Abteilungen kennen, die später in anderen Bereichen arbeiten. Wenn du dann irgendwann ein Projekt hast, das bereichsübergreifende Zusammenarbeit erfordert, kennst du schon die richtigen Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner. Das ist Gold wert.

Ich hatte mal einen Mentee, der nach seinem Traineeprogramm im Vertrieb landete. Durch seine Rotation hatte er aber auch drei Monate in der Produktentwicklung verbracht. Dieses Verständnis für die technische Seite machte ihn später zu einem außergewöhnlich erfolgreichen Vertriebsmitarbeiter, weil er mit Kunden auf Augenhöhe über technische Details sprechen konnte.

Wann passt der Direkteinstieg besser?

Ein Traineeprogramm ist nicht für jeden der richtige Weg. Wenn du schon genau weißt, in welchem Bereich du arbeiten willst – sagen wir, du hast schon mehrere Praktika im IT-Projektmanagement gemacht und bist dir sicher, dass das dein Ding ist – dann kann ein Direkteinstieg sinnvoller sein.

Der Direkteinstieg bietet dir eine schnellere und tiefere Spezialisierung in einem Fachbereich. Du wirst schneller zur Expertin oder zum Experten in deinem Gebiet und kannst unter Umständen auch schneller aufsteigen. Außerdem sind Direkteinstiegspositionen häufiger unbefristet.

Die Kunst ist es, ehrlich zu dir selbst zu sein: Weißt du wirklich, was du willst? Oder redest du dir das nur ein, weil es vermeintlich der schnellere Weg zum Erfolg ist?

Worauf du bei der Auswahl achten solltest

Nicht jedes Traineeprogramm ist gleich gut. Ich rate dir, in Bewerbungsgesprächen folgende Punkte zu klären:

Das Unternehmen sollte groß genug sein, um dir wirklich Einblicke in verschiedene Bereiche gewähren zu können.

Es sollte einen festen, für dich nachvollziehbaren Plan geben, wie viel Zeit du in welchen Bereichen verbringst. Ein gutes Traineeprogramm ist strukturiert und professionell organisiert.

Ganz wichtig: Du solltest Einfluss darauf haben, in welchem Bereich du nach Abschluss des Programms arbeiten willst. Wenn das Unternehmen sagt “Wir schauen dann mal, wo wir Sie brauchen”, ohne deine Präferenzen zu berücksichtigen, ist das ein rotes Tuch.

Das Programm sollte von Fortbildungsmaßnahmen flankiert sein. Gute Traineeprogramme bieten regelmäßige Workshops zu Themen wie Projektmanagement, Kommunikation oder Verhandlungsführung. Das ist ein Zeichen dafür, dass das Unternehmen wirklich in dich investiert.

Du solltest eine feste Ansprechperson oder Mentorin/Patin für die Zeit des Programms haben, unabhängig von den Abteilungen, in denen du gerade bist. Diese Person ist deine Konstante und kann dir helfen, wenn es Probleme gibt.

Achte auch darauf, dass du Gelegenheit hast, dich mit anderen Trainees im Unternehmen auszutauschen. In den meisten guten Programmen gibt es regelmäßige Treffen der Trainee-Gruppe. Das ist nicht nur fürs Networking wichtig, sondern auch emotional unterstützend – du merkst, dass andere ähnliche Herausforderungen haben.

Ein letzter Punkt: Trainees sollten in der Unternehmenskultur den Stellenwert voller Mitarbeitender haben. Du solltest anspruchsvolle Aufgaben und echte Verantwortung übernehmen dürfen, nicht nur Kaffee kochen und Protokolle schreiben.

Was ein Traineeprogramm dir bietet, ist Zeit. Zeit, dich zu orientieren. Zeit, verschiedene Optionen auszuprobieren. Zeit, herauszufinden, was wirklich zu dir passt – und das alles in einem geschützten Rahmen mit einem festen Gehalt und der Aussicht auf Übernahme.

Für wen ist ein Traineeprogramm besonders geeignet?

Wenn du dich in einem oder mehreren der folgenden Punkte wiedererkennst, ist ein Traineeprogramm wahrscheinlich eine gute Option für dich:

Du hast dein Studium abgeschlossen und weißt zwar grob, in welche Richtung du gehen willst (zum Beispiel “etwas im Marketingbereich”), aber die konkrete Spezialisierung ist dir noch unklar. Ein Traineeprogramm gibt dir die Möglichkeit, um beim Beispiel zu bleiben, verschiedene Facetten des Marketings kennenzulernen – vom klassischen Produktmarketing über Online-Marketing bis zur Marktforschung.

Du möchtest dir ein breites Netzwerk in einem Unternehmen aufbauen und verstehen, wie die verschiedenen Bereiche zusammenarbeiten. Dieser ganzheitliche Blick ist später, wenn du in einer Führungsposition bist, unglaublich wertvoll.

Du schätzt Struktur und Begleitung beim Berufseinstieg. Der Sprung vom Studium in die Berufswelt kann einschüchternd sein. Ein gutes Traineeprogramm bietet dir ein Sicherheitsnetz und professionelle Begleitung in dieser Phase.

Du hast noch keine klare Vorstellung davon, welcher Karrierepfad der richtige für dich ist. Willst du irgendwann in eine Führungsposition? Oder lieber Spezialistin oder Spezialist werden? Ein Traineeprogramm gibt dir Zeit, diese Frage zu beantworten.

Praktische Tipps für die Bewerbung

Wenn du dich für ein Traineeprogramm entscheidest, solltest du in deiner Bewerbung klar machen, warum gerade dieser Weg für dich Sinn macht. Arbeitgeber suchen mit Trainees Absolventinnen, die bewusst die Entscheidung für einen breiten Einstieg getroffen haben.

Formuliere es positiv: Du möchtest die verschiedenen Bereiche eines Unternehmens kennenlernen, um deine Stärken optimal einzusetzen. Du schätzt die strukturierte Einarbeitung und die Möglichkeit, ein umfassendes Verständnis für Geschäftsprozesse zu entwickeln.

Wenn du schon Praktika oder Werkstudententätigkeiten in verschiedenen Bereichen gemacht hast, nutze das als Argument. Das zeigt, dass du schon aktiv verschiedene Optionen exploriert hast und nun durch das Traineeprogramm diese Exploration systematisch fortsetzen möchtest.

Ein Wort zum Schluss

Die Entscheidung zwischen Traineeprogramm und Direkteinstieg ist keine Entscheidung zwischen “richtig” und “falsch”. Es ist eine Entscheidung darüber, welcher Weg besser zu deiner aktuellen Situation und deinen Bedürfnissen passt.

Ein Traineeprogramm ist kein Zeichen von Unentschlossenheit, sondern von Weitsicht. Du nimmst dir die Zeit, die richtige Karriere-Entscheidungen zu treffen.

Advertisements

Leave a Reply