Der Anomische Käfig der 40-Jährigen: Émile Durkheim und die Sinnkrise der Optimierungs-Generation

Mein soziologisches Tagebuch [EN below]

Heute habe ich die Schlagzeile „Millennials in der Midlife-Crisis: Der Marathon der Selbstoptimierung“ (Süddeutsche Zeitung, Essay, 26.01.2026) ausgewählt. Der Kern der Meldung liegt in der Analyse der existenziellen Erschöpfung einer Generation (geboren ca. 1980–1995), die trotz permanenter Anstrengung, hoher Bildung und dem kulturellen Imperativ der Selbstoptimierung das Gefühl hat, grundlegende Lebensziele – finanzieller Wohlstand, Eigentum, ein erfüllter Karrierehöhepunkt – nicht erreichen zu können. Die klassische Midlife-Crisis manifestiert sich als chronische Überforderung und als Scheitern im Angesicht unerreichbarer gesellschaftlicher Ideale. Das zentrale soziologisch relevante Phänomen ist die tiefe Diskrepanz zwischen kulturell verankerten Erfolgserwartungen und den tatsächlich verfügbaren strukturellen Mitteln zu deren Erreichung.

Brücke zur Soziologie

Soziologische Fragestellung

Zur Kollektiven Identität/Wahrnehmung: Wie erzeugt die permanente kulturelle Betonung der Selbstoptimierung und des individuellen Erfolgs einen kollektiven Zustand der anomischen Desintegration, selbst wenn objektiv Wohlstand vorhanden ist? Zur Sprache/Entpolitisierung: Inwiefern dienen Metaphern wie „Marathon“ oder „Work-Life-Balance“ der Entpolitisierung struktureller Probleme (Prekarisierung, Wohnungskrise), indem sie diese als individuelle Management- oder Fitness-Herausforderung umdeuten? Zur Klasse/Dimension: Welche Rolle spielt die Intersektionalität von Klasse und Bildung bei der Zuschreibung der „Midlife-Crisis“, und inwiefern übersehen wir dabei, dass diese Krise primär ein Phänomen der aufstiegsorientierten Mittel- und Oberschicht ist?

Was würde die klassische Soziologie sagen?

Émile Durkheim (1858–1917)

Kurzvorstellung: Émile Durkheim, einer der Gründerväter der Soziologie, untersuchte in seinem Werk „Der Selbstmord“ (1897) das Phänomen der Anomie. Anomie beschreibt einen Zustand gesellschaftlicher Normenlosigkeit, in dem die regulierende Kraft der Gesellschaft aufhört, wirksam zu sein, und die individuellen Wünsche nicht mehr durch eine kollektive Moral begrenzt werden.

Analyse: Analyse der „Marathon der Selbstoptimierung“-Rhetorik: Durkheim würde in der Midlife-Crisis der Millennials ein klassisches Symptom der anomischen Arbeitsteilung sehen. Die modernen kapitalistischen Gesellschaften, getrieben von einem unbegrenzten Fortschritts- und Leistungsversprechen, vermitteln unendliche Erwartungen (reich, schön, erfolgreich, fit). Weil die kollektiven, moralischen Normen, die die Wünsche des Individuums früher begrenzt haben (durch Religion, Stand, Tradition), erodiert sind, gerät das Individuum in einen Zustand unstillbarer, unregulierter Wünsche. Der „Marathon“ ist die verzweifelte, aber anomische Suche nach einem Ziel, das die Gesellschaft selbst als unerreichbar und unendlich definiert hat.

Zweite Perspektive/Differenzierung: Gleichzeitig warnte Karl R. Popper in seiner Kritik am Historizismus davor, die Geschichte als deterministische Abfolge zu sehen. Popper würde eine methodische Warnung aussprechen: Durkheim lehrt uns zwar die Notwendigkeit von sozialer Integration und moralischer Regulierung, aber Popper mahnt zur Vorsicht vor der Verabsolutierung der Gesellschaft über das Individuum. Die Lösung für die Anomie darf nicht der Zwang des Kollektivs sein, sondern muss in einer bewussten, kritisch reflektierenden und pluralistischen (offenen) Gesellschaft gefunden werden.

Was sagt die heutige Soziologie dazu?

Hartmut Rosa (geb. 1965)

Kurzvorstellung: Rosa, Hauptvertreter der Soziologie der Beschleunigung, analysiert in Beschleunigung und Entfremdung (2005) die gesellschaftliche Dynamik, in der sich technische, soziale und Lebenszeitbeschleunigung gegenseitig steigern und zur Entfremdung führen. Sein Konzept der Resonanz ist die Antwort auf diesen Zustand.

Analyse: Rosa würde die Midlife-Crisis der Millennials als Entfremdungs-Erfahrung analysieren. Die Beschleunigungs-These erklärt den Marathon: Millennials müssen in kürzerer Zeit mehr leisten (Weiterbildung, Jobwechsel, Kinderplanung) nur um den Status quo zu halten (stagnierende Beschleunigung). Das führt zur Entfremdung von der Zeit, den eigenen Wünschen und den sozialen Beziehungen. Die Midlife-Crisis ist die existenzielle Erfahrung, im Hamsterrad zu laufen, ohne dass die Welt „antwortet“ (keine Resonanz). Sie ist die unumgängliche Bremsspur im Beschleunigungs-Wettlauf, die den kollektiven Burnout als gesellschaftlich strukturierte Krankheit der Moderne hervorbringt. Der Drang, ständig das eigene Humankapital zu optimieren, führt paradoxerweise zur tiefsten Identitäts-Krise.

Globale Perspektive

Zygmunt Bauman (1925–2017)

Kurzvorstellung: Der polnische Soziologe Bauman beschrieb in Die fluide Moderne (2000) den Übergang von der „soliden“ zur „flüssigen“ Gesellschaft, in der alle festen Bindungen (Institutionen, Klassen, Jobs) erodieren und Identität zur ständigen, ungesicherten Identitätsarbeit wird.

Analyse: Bauman würde die Midlife-Crisis der Millennials als die Verflüssigung der Lebenslauf-Normen interpretieren. Die Generation lebt in einer fluiden Moderne, in der jeder Arbeitsvertrag, jede Beziehung, jeder Ort kontingent ist. Der „Marathon“ ist die verzweifelte Strategie, in dieser fluiden Welt einen Anker zu finden, indem man sich selbst zum einzig stabilen, optimierbaren Projekt macht. Die Krise entsteht, weil dieses Ich-Projekt in einer flüchtigen Welt zwangsläufig scheitert. Die globale Individualisierung zerstört die Durkheim'sche kollektive Gemeinschaft, aber das Individuum trägt die volle Verantwortung für das Scheitern dieses nunmehr individualisierten Projekts.

Über die Soziologie hinaus: Psychologie

Kognitive Verhaltenstherapie / Entwicklungspsychologie

Kontrast: Die Psychologie (insbesondere die Kognitive Verhaltenstherapie oder die Entwicklungspsychologie) würde das Phänomen primär als individuelle Störung, als Dysfunktionalität analysieren: etwa als Generalisierte Angststörung (GAD), Impostor-Syndrom (Hochstapler-Phänomen) oder als nicht bewältigte Entwicklungsaufgabe des jungen Erwachsenenalters. Der Fokus liegt auf der Reparatur des Individuums durch Techniken der Stressbewältigung und Kognitionsänderung. Der Fokusunterschied zur Soziologie ist klar: Psychologie fragt, was im Individuum dysfunktional ist; Soziologie fragt, was in der Gesellschaft dysfunktional ist, um so viele dysfunktionale Individuen zu erzeugen.

Die soziologische Analyse (Durkheims Anomie, Rosas Beschleunigungsgesellschaft) ist für die Psychologie unverzichtbar. Die Psychologie kann dem erschöpften Individuum zwar helfen, die Last der Leistungsgesellschaft zu tragen, aber nur die Soziologie erklärt, warum diese Last kollektiv so erdrückend ist und strukturell reproduziert wird. Die soziologische Perspektive verhindert die Individualisierung des Systemversagens und stellt die psychologische Analyse auf ein notwendiges gesellschaftliches Fundament.

Brainteaser / Forschung / Literatur

Die Midlife-Crisis der Millennials ist die sichtbar gewordene anomische Erschöpfung einer Generation. Sie scheitert nicht am mangelnden Wollen, sondern an den unbegrenzten, unregulierten und individualisierten Leistungsansprüchen einer flüchtigen Moderne. Die Krise ist daher systemisch, nicht biografisch.

Nutze für deine Recherchen zu diesem Thema die Datenbanken JSTOR und Web of Science. Spezifische Suchbegriffe sind: „Anomie“ AND „Millennials“, „Acceleration“ AND „Resonance“, „Liquid Modernity“ AND „Individualization“.

  • für Einsteiger:innen: Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung (2016). Rosas Meisterwerk ist ein verständlicher, hoffnungsvoller Gegenentwurf zur Beschleunigung und eine Anleitung zur Beendigung des erzwungenen Marathons.

  • für fortgeschrittene soziologische Denkweise: Émile Durkheim: Der Selbstmord (1897). Unverzichtbar für das Verständnis, wie soziale Strukturen und Normen die intimsten, scheinbar privatesten Entscheidungen (bis hin zum Selbstmord) beeinflussen. Der Kern der Soziologie.

  • für spezialisierte soziologische Analyse: Zygmunt Bauman: Die fluide Moderne (2000). Essenzielle Analyse des Zerfalls fixer Lebenslauf- und Gesellschaftsstrukturen und der daraus resultierenden Individualisierung der Krise.

The Anomic Cage of the 40-Somethings: Émile Durkheim and the Crisis of Meaning of the Optimization Generation

My Sociological Diary

Today I chose the headline "Millennials in the Midlife Crisis: The Marathon of Self-Optimization" (Süddeutsche Zeitung, Essay, January 26, 2026). The core of the report lies in the analysis of the existential exhaustion of a generation (born approx. 1980–1995) that, despite continuous effort, high education, and the cultural imperative of self-optimization, feels unable to achieve fundamental life goals—financial prosperity, property ownership, a peak career moment. The classic midlife crisis manifests as a chronic feeling of overwhelm and failure in the face of unattainable societal ideals. The central sociologically relevant phenomenon is the deep discrepancy between culturally entrenched expectations of success and the structurally available means for achieving them.

Sociological Bridge

Sociological Question to Pose

On Collective Identity/Perception: How exactly does the constant cultural emphasis on self-optimization and individual success create a collective state of anomic disintegration, even where objective prosperity exists? On the Depoliticization of Language: To what extent do metaphors like "Marathon" or "Work-Life-Balance" serve the depoliticization of structural problems (precarity, housing crisis) by reinterpreting them as individual management or fitness challenges? On Class/Dimension: What role does the intersectionality of class and education play in the labeling of the "Midlife Crisis," and to what extent do we overlook that this crisis is primarily a phenomenon of the upwardly mobile middle and upper classes?

What would classical Sociology say?

Émile Durkheim (1858–1917)

Brief Introduction: Émile Durkheim, one of the founding fathers of sociology, examined the phenomenon of anomie in his work "Suicide" (1897). Anomie describes a state of social normlessness in which the regulating force of society ceases to be effective, and individual desires are no longer limited by a collective morality.


Analysis of the "Marathon of Self-Optimization" Rhetoric: Durkheim would see in the Millennial midlife crisis a classic symptom of the anomic division of labor. Modern capitalist societies, driven by a boundless promise of progress and performance, convey infinite expectations (be rich, beautiful, successful, fit). Because the collective, moral norms that previously limited the individual's desires (through religion, status, tradition) have eroded, the individual enters a state of insatiable, unregulated desires. The "marathon" is the desperate, yet anomic search for a goal that society itself has defined as unattainable and infinite.


Second Perspective/Differentiation: At the same time, Karl R. Popper, in his critique of historicism, warned against viewing history as a deterministic sequence. Popper would issue a methodological warning: While Durkheim teaches us the necessity of social integration and moral regulation, Popper urges caution against the absolutization of society over the individual. The solution to anomie must not be the coercion of the collective but must be found in a conscious, critically reflective, and pluralistic (open) society.

What does contemporary Sociology say?

Hartmut Rosa (born 1965)

Brief Introduction: Rosa, a leading proponent of the sociology of acceleration, analyzes the societal dynamic in Acceleration and Alienation (2005), in which technical, social, and life-speed acceleration mutually reinforce each other and lead to alienation. His concept of Resonance is the answer to this state.


Analysis: Rosa would analyze the Millennial midlife crisis as an experience of alienation. The acceleration thesis explains the Marathon: Millennials must achieve more in less time (further training, job changes, family planning) just to maintain the status quo (stagnant acceleration). This leads to alienation from time, one's own desires, and social relationships. The Midlife Crisis is the existential experience of running on a treadmill without the world "answering" (no resonance). It is the unavoidable braking trace in the acceleration race, giving rise to the collective Burnout as a socially structured illness of modern society. The urge to constantly optimize one's human capital paradoxically leads to the deepest identity crisis.

Global Perspective

Zygmunt Bauman (1925–2017)

Brief Introduction: In Liquid Modernity (2000), sociologist Bauman described the transition from a "solid" to a "liquid" society, where all fixed bonds (institutions, classes, jobs) erode, and identity becomes constant, unsecured identity work.


Analysis: Bauman would analyze the Millennial midlife crisis as a crisis of the liquid biography. The generation lives in a Liquid Modernity where every employment contract, every relationship, every location is contingent and callable at any time. The "Marathon of Self-Optimization" is the desperate strategy to find an anchor in this fluid world by making oneself the only stable, optimizable project. The crisis arises because this Self-Project inevitably fails in a fleeting world. Global individualization destroys the Durkheimian collective community, but the individual bears full responsibility for the failure of this now individualized project.

Beyond Sociology: Psychology

Cognitive Behavioral Therapy or Developmental Psychology

Contrast: Psychology (especially Cognitive Behavioral Therapy or developmental psychology) would primarily analyze the phenomenon as an individual disorder, as dysfunctionality: for example, as Generalized Anxiety Disorder (GAD), Impostor Syndrome, or as an unmastered developmental task of young adulthood. The focus is on the repair of the individual through techniques of stress management and cognitive change. The focus difference from sociology is clear: psychology asks what is dysfunctional within the individual; sociology asks what is dysfunctional within society to produce so many dysfunctional individuals.


Conclusion: The sociological analysis (Durkheim's Anomie, Rosa's Acceleration Society) is indispensable for psychology. While psychology can help the exhausted individual bear the burden of the Performance Society, only sociology explains why this burden is collectively so crushing and structurally reproduced. The sociological perspective prevents the individualization of systemic failure and places psychological analysis on a necessary societal foundation.

Brainteaser / Research / Literature

The Millennial midlife crisis is the visible anomic exhaustion of a generation. It fails not due to a lack of will, but due to the unlimited, unregulated, and individualized demands for performance of a Liquid Modernity. The crisis is therefore systemic, not biographical.

Use the JSTOR and Web of Science databases for your research on this topic. Specific search terms are: "Anomie" AND "Millennials", "Acceleration" AND "Resonance", "Liquid Modernity" AND "Individualization".

  • for beginners: Hartmut Rosa: Resonance: A Sociology of Our Relationship to the World (2016). Rosa's masterpiece is an accessible, hopeful counter-design to acceleration and a guide to ending the forced Marathon.

  • for advanced sociological thinking: Émile Durkheim: Suicide (1897). Indispensable for understanding how social structures and norms influence the most intimate, seemingly private decisions (up to suicide). The core of sociology.

  • for specialized sociological analysis: Zygmunt Bauman: Liquid Modernity (2000). Essential analysis of the disintegration of fixed life-course and societal structures and the resulting individualization of crisis.

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