Selfies und Inszenierung: Warum fotografieren wir uns selbst?
Um was es in diesem Text geht:
Du kennst das: Handy in die Hand nehmen, den besten Winkel suchen, lächeln und auf den Auslöser drücken. Ein Selfie ist schnell gemacht und landet dann online. Es geht dabei aber um viel mehr als nur um ein schönes Foto. Es ist eine Inszenierung von uns selbst für ein Publikum. Wir entscheiden ganz bewusst, welchen Teil von uns wir zeigen möchten.
Wir zeigen nicht unser ganzes Leben, sondern meist nur die Höhepunkte: den Urlaub, das gute Essen, den Erfolg. Die Sozialen Medien werden so zu einer großen Bühne. Auf dieser Bühne zeigen alle ihr bestes Ich. Das Selfie ist ein Werkzeug, um unsere eigene Identität für die Welt sichtbar zu machen und dafür Bestätigung zu bekommen.
Soziologische Fragestellung
Wenn Soziolog:innen dieses Phänomen betrachten, fragen sie:
Klassische Sichtweise von Ferdinand Tönnies (1855 - 1936): Gemeinschaft und Gesellschaft
Aus der Sicht von Ferdinand Tönnies ist das Phänomen des "Selfies" und der Selbstdarstellung in den Sozialen Medien ein Ausdruck des Übergangs von der Gemeinschaft zur Gesellschaft.
ist geprägt durch enge, persönliche, gefühlsbetonte und traditionelle Bindungen (wie Familie, Dorf). Das Individuum ist fest in diese Gruppe eingebunden und hat einen natürlichen, unverwechselbaren Platz.
ist die moderne Form des Zusammenlebens (wie die Großstadt), die durch rationale, zweckorientierte, lose und unpersönliche Beziehungen (Verträge, Arbeit) gekennzeichnet ist. Hier steht das Individuum isolierter da.
Das Selfie als Ausdruck der Gesellschaft:
In der Gesellschaft (der modernen Großstadt und den Sozialen Medien) verliert das Individuum - der einzelne Mensch also - die feste, gefühlsmäßige Verankerung, die es in der Gemeinschaft hatte. Es muss seine Identität selbst schaffen und darstellen.
Das Selfie ist der Versuch, sich in einem rationalisierten und unpersönlichen Umfeld ("Gesellschaft") Aufmerksamkeit und Anerkennung zu verschaffen, die in der traditionellen "Gemeinschaft" automatisch durch die Zugehörigkeit gegeben war.
Social Media sind ein Zeichen von: Gesellschaftliche Beziehungen, die auf rationaler Selbstdarstellung, Zweckhaftigkeit (z.B. Aufbau einer "Marke" oder eines "Netzwerks") und formaler Kommunikation basieren, anstatt auf tiefer, gefühlsmäßiger Verbundenheit ("Gemeinschaft").
Aktuelle Sichtweise von Manuel Castells (geb. 1942): Netzwerkgesellschaft
Der Soziologe Manuel Castells beschreibt in seinem Werk Die Netzwerkgesellschaft (The Rise of the Network Society), wie das Internet und digitale Technologien unsere Welt grundlegend verändern. Er sieht unsere heutige Gesellschaft als eine Netzwerkgesellschaft.
Das bedeutet, Macht und Organisation sind nicht mehr nur an festen Orten oder in großen, starren Firmen zu finden. Stattdessen sind sie in flexiblen, globalen Netzwerken verteilt. Diese Netzwerke verbinden Menschen, Unternehmen und Institutionen auf der ganzen Welt sofort miteinander.
Das Hauptziel in dieser neuen Gesellschaft ist die Kontrolle über den Informationsfluss und die Kommunikation. Wer die wichtigsten Knotenpunkte im Netzwerk kontrolliert, hat die größte Macht. Die Netzwerke bestimmen, wer erfolgreich ist und wer an den Rand gedrängt wird.
Wenn dein öffentliches digitales Ich so perfekt ist: Wie fühlt sich das an, wenn du mit deinem echten Ich allein bist?
Kathinkas Take: Psychologie-Edition
Früher haben enge und stabile Beziehungen (etwa Familie, Nachbarschaft oder ein fester Freundeskreis) vielen Menschen automatisch ein Gefühl von Zugehörigkeit gegeben. Man war Tochter, Bruder, Freund, Teil einer Gruppe. Daraus entstand fast von alleine ein Gefühl von Identität: „Ich weiß, wo ich hingehöre.“ Wenn Beziehungen heute lockerer, wechselhafter oder räumlich weiter entfernt sind, fällt dieses stabile Gefühl von Halt manchmal schwächer aus.
Psychologisch bedeutet das: Identität ist weniger etwas, das man einfach „hat“, sondern etwas, das man aktiv entwickeln und zeigen muss.
Genau hier spielt das Selfie gerne eine Rolle. Es ist nicht nur ein Foto, sondern eine bewusste Entscheidung: So möchte ich mich zeigen. Man probiert aus, wie man wirkt; ernst, sportlich, kreativ, erfolgreich.
Die Reaktionen anderer können dann wie ein Spiegel dienen. Positive Rückmeldungen stärken das Selbstwertgefühl und geben Orientierung: Dieses Bild von mir wird angenommen. Gleichzeitig kann es auch verunsichern, wenn wenig Resonanz kommt.
So werden Selfies zu einem Werkzeug der Identitätsarbeit. Sie helfen, in einer beweglichen und manchmal unsicheren Welt ein Gefühl von Sichtbarkeit und Bestätigung zu bekommen. Das ist manchmal weniger Eitelkeit, sondern kann auch ein psychologischer Versuch sein, Sicherheit, Zugehörigkeit und ein stabiles Selbstbild aufzubauen.
Tönnies, Ferdinand (1887): Gemeinschaft und Gesellschaft. Abhandlung des reinen Communismus und Socialismus als empirischer Culturformen. (Wichtige Grundlage für die Unterscheidung zwischen engen, traditionellen Bindungen und rationalen, modernen Beziehungen.)
Castells, Manuel (1996): The Rise of the Network Society. (Grundlegendes Werk zur Beschreibung des Übergangs zur durch digitale Netzwerke organisierten Gesellschaftsform.)
Selfies and Self-Presentation: Why do we photograph ourselves?
You know how it is: pick up your phone, find the best angle, smile, and press the shutter button. A selfie is quick to take and then ends up online. But it's about much more than just a nice photo. It's a staging of ourselves for an audience. We consciously decide which part of ourselves we want to show.
We don't show our whole life, but mostly just the highlights: vacations, good food, success. Social media thus becomes a big stage. On this stage, everyone shows their best self. The selfie is a tool for making our own identity visible to the world and receiving confirmation for it.
When sociologists look at this phenomenon, they ask:
Classic view of Ferdinand Tönnies (1855 - 1936): Community and society
From Ferdinand Tönnies' point of view, the phenomenon of “selfies” and self-presentation on social media is an expression of the transition from community to society.
is characterized by close, personal, emotional, and traditional bonds (such as family or village). The individual is firmly integrated into this group and has a natural, distinctive place within it.
is the modern form of coexistence (such as the big city), which is characterized by rational, purpose-oriented, loose, and impersonal relationships (contracts, work). Here, the individual is more isolated.
The selfie as an expression of society:
In society (the modern city and social media), the individual—the single human being—loses the firm, emotional anchorage that they had in the community. They must create and represent their own identity.
The selfie is an attempt to gain attention and recognition in a rationalized and impersonal environment (“society”) that was automatically given in the traditional “community” through belonging.
Social media are a sign of: Social relationships based on rational self-presentation, purposefulness (e.g., building a “brand” or a ‘network’) and formal communication, rather than on deep, emotional connection (“community”).
Current view of Manuel Castells (born 1942): Network society
In his work The Rise of the Network Society, sociologist Manuel Castells describes how the internet and digital technologies are fundamentally changing our world. He sees our society today as a network society.
This means that power and organization are no longer found only in fixed locations or in large, rigid companies. Instead, they are distributed across flexible, global networks. These networks instantly connect people, companies, and institutions around the world.
The main goal in this new society is control over the flow of information and communication. Those who control the most important nodes in the network have the most power. The networks determine who is successful and who is marginalized.
If your public digital self is so perfect, how does it feel when you are alone with your real self?
Kathinka’s Take: Psychology Edition
In the past, close and stable relationships (such as family, neighborhood, or a steady circle of friends) automatically gave many people a sense of belonging. You were a daughter, a brother, a friend—part of a group. From this, a feeling of identity often developed almost on its own: “I know where I belong.” If relationships today are looser, more changeable, or physically more distant, this stable sense of support can sometimes feel weaker.
Psychologically, this means that identity is less something you simply “have” and more something you actively have to develop and present.
This is where selfies often come into play. A selfie is not just a photo, but a conscious decision: This is how I want to show myself. You try out how you appear—serious, athletic, creative, successful.
The reactions of others can then function like a mirror. Positive feedback strengthens self-esteem and provides orientation: This version of me is accepted. At the same time, it can feel unsettling if there is little response.
In this way, selfies become a tool for identity work. They help create a sense of visibility and affirmation in a fast-moving and sometimes uncertain world. This is not always just vanity; it can also be a psychological attempt to build security, belonging, and a stable sense of self.
Tönnies, Ferdinand (1887): Gemeinschaft und Gesellschaft. Abhandlung des reinen Communismus und Socialismus als empirischer Culturformen. (Wichtige Grundlage für die Unterscheidung zwischen engen, traditionellen Bindungen und rationalen, modernen Beziehungen.)
Castells, Manuel (1996): The Rise of the Network Society. (Grundlegendes Werk zur Beschreibung des Übergangs zur durch digitale Netzwerke organisierten Gesellschaftsform.)