Doomscrolling: Warum lesen wir stundenlang schlechte Nachrichten?

Um was es in diesem Text geht:

Kennst Du das? Du schaust abends auf Dein Handy und liest nur schlechte Nachrichten. Es geht um Krisen, Unglücke oder schlimme Dinge in der Welt. Obwohl es Dir Angst macht, hörst Du nicht auf zu lesen. Man nennt das Doomscrolling. Es ist eine Mischung aus dem englischen Wort für Untergang (doom) und scrollen.

Soziolog:innen fragen sich, warum wir uns in diese digitale Spirale der Negativität ziehen lassen. Es ist ein Phänomen, bei dem unser Versuch, informiert zu sein, schnell zu einer Art Zwang wird, der uns psychisch belastet.Soziologische Fragestellung

Soziologische Fragestellung

Wenn Soziolog:innen dieses Phänomen betrachten, fragen sie:

  • Wenn man immerzu schlechte Nachrichten liest: Kann man dann noch gut selbst überlegen, was richtig und wichtig ist in der Gesellschaft?
  • Sucht man beim "Doomscrolling" (immer nur schlechte Nachrichten lesen) Sicherheit, weil die Welt unsicher ist? Oder zeigt es nur, wie viel Macht die Computer-Programme (Algorithmen) haben?
  • Wer entscheidet, welche Nachrichten uns in sozialen Medien als wichtig gezeigt werden? Und wer entscheidet, wie schlecht diese Nachrichten klingen?

Klassische Sichtweise von Jürgen Habermas (geb. 1929): Der Verfall der Öffentlichkeit

Jürgen Habermas untersuchte, wie sich die Art und Weise, wie Menschen über Politik und Gesellschaft sprechen, verändert hat. Er nannte dies den Strukturwandel (Veränderung) der Öffentlichkeit (Gesellschaft).

Bürgerliche Öffentlichkeit:

Das war früher ein Ort, wo Bürgerinnen und Bürger offen und vernünftig über wichtige Dinge gesprochen haben. Sie wollten eine gemeinsame, kluge Meinung finden.

Kulturindustrie:

Das sind Medien (wie Fernsehen, Zeitungen, Internet), die Nachrichten und Kultur zu einem Produkt machen, das man kauft und konsumiert. Ihr Ziel ist Unterhaltung, nicht Information.

Verfall der Öffentlichkeit:

Das bedeutet, dass der Ort der Diskussion immer mehr zu einem Ort des Konsums und der Unterhaltung wird.

Doomscrolling und wie sich die Gesellschaft verändert:

Eigentlich sollten sich die Bürger:innen in der Öffentlichkeit aktiv und kritisch mit Nachrichten beschäftigen. Sie sollten mit anderen darüber reden. Aber durch die Veränderungen nehmen wir Nachrichten einfach hin.

Das "Doomscrolling" ist ein Beispiel dafür: Wir sind keine Menschen, die vernünftig denken und reden. Stattdessen lesen wir nur Geschichten, die uns anziehen, meistens sind sie negativ. Wir lesen über den Untergang, ohne darüber nachzudenken oder etwas dagegen zu tun.

Aktuelle Sichtweise: Wir konzentrieren uns zu sehr auf das Negative und gehen damit falsch um.

Aktuelle Forschungen zeigen, dass das digitale Medium selbst und unsere Psyche das Doomscrolling fördern. Die moderne Gesellschaft ist durch einen ständigen digitalen Informationsfluss gekennzeichnet, in dem schlechte Nachrichten die meiste Aufmerksamkeit bekommen.

Negativity Bias:

Menschen reagieren stärker auf schlechte Nachrichten als auf gute. Algorithmen nutzen das aus, um uns länger festzuhalten.

Maladaptives Coping:

Doomscrolling beginnt oft als Versuch, mit Unsicherheit (z.B. in einer Krise) umzugehen. Man sucht Informationen, um sich sicherer zu fühlen.

Psychologische Belastung:

Ironischerweise führt dieses Verhalten zu noch mehr Stress, Angst und Schlafstörungen. Es ist eine schlechte Strategie zur Bewältigung von Problemen.

Die Negativitäts-Schleife der sozialen Medien:

In den sozialen Medien werden wir mit Informationen überflutet. Der Negativity Bias sorgt dafür, dass unser Blick an schlechten Nachrichten hängen bleibt. Wenn wir scrollen, reagiert der Algorithmus: Er zeigt uns noch mehr davon, weil wir darauf geklickt haben. Die psychische Belastung nimmt zu, weil wir das Gefühl der Kontrolle verlieren, obwohl wir sie gesucht haben. Die digitale Welt verstärkt damit eine natürliche psychologische Neigung.Begriffe erklärt

Begriffe erklärt

Das ist ein historischer Raum, zum Beispiel Kaffeehäuser oder Salons. Hier diskutierten Bürger:innen frei über Politik, um die Macht der Herrschenden zu kontrollieren.

Beschreibt, wie sich die Öffentlichkeit durch Massenmedien (wie Zeitungen und später Fernsehen) verändert hat. Der kritische Austausch wurde zum passiven Konsum.

Das ist eine psychologische Neigung. Unser Gehirn beachtet negative Informationen stärker als positive. Das ist ein Schutzmechanismus, wird aber von Medien ausgenutzt.

Das ist eine Bewältigungsstrategie für Stress, die am Ende mehr Schaden anrichtet als Nutzen bringt. Doomscrolling ist ein Versuch, Angst zu bewältigen, der aber die Angst vergrößert.

Zum Nachdenken

Wenn Du weißt, dass schlechte Nachrichten Dich krank machen, aber trotzdem nicht aufhören kannst zu scrollen: Wer kontrolliert dann eigentlich Dein Handy – Du oder der Algorithmus?

Kathinkas Take: Psychologie-Edition

Aus psychologischer Sicht kann Doomscrolling als eine verständliche Reaktion auf Unsicherheit betrachtet werden. Unser Gehirn neigt dazu, negative Informationen stärker wahrzunehmen als positive. Dieses Phänomen wird oft als Negativity Bias beschrieben. Schlechte Nachrichten ziehen deshalb besonders viel Aufmerksamkeit auf sich, weil sie wie mögliche Gefahren wirken. Wenn Menschen viel scrollen, kann dahinter der Wunsch stehen, informiert zu bleiben und sich dadurch sicherer oder vorbereiteter zu fühlen.

Gleichzeitig ist es möglich, dass das ständige Lesen belastender Inhalte das Stressniveau erhöht. Negative Meldungen würden also Anspannung, Grübeln oder Sorgen verstärken. So würde ein Kreislauf entstehen: Man sucht Informationen, um Kontrolle zu gewinnen, fühlt sich durch die Menge schlechter Nachrichten aber noch verunsicherter.

In diesem Sinne könnte Doomscrolling eine maladaptive Bewältigungsstrategie darstellen; also ein Versuch, mit Angst oder Unsicherheit umzugehen, der langfristig eher zusätzlichen Stress begünstigt. Das bedeutet nicht, dass jede intensive Nachrichten-Nutzung problematisch ist. Entscheidend ist, ob das Verhalten das eigene Wohlbefinden stabilisiert oder eher belastet.

LITERATUREMPFEHLUNGEN

Klassiker:in

Habermas, Jürgen (1990): Strukturwandel der Öffentlichkeit. Suhrkamp, Frankfurt a. M. (Das Hauptwerk zur Entstehung und dem Verfall der kritischen Öffentlichkeit.)

Moderne Theoretiker:in

Rajeshwari, S. & Meenakshi, S. (2023): The age of doom scrolling – Social media's attractive addiction. Journal of Education and Health Promotion. (Eine aktuelle Studie zur psychologischen Wirkung.)

003. Doomscrolling: Why are we afraid of missing out?

What this text is about:

Do you know the feeling? In the evening, you look at your phone and only read bad news. It's about crises, accidents, or terrible things in the world. Even though it scares you, you can't stop reading. This is called Doomscrolling. It combines the English word for downfall (doom) and scrolling. Sociologists wonder why we let ourselves be pulled into this digital spiral of negativity. It's a phenomenon where our attempt to be informed quickly becomes a compulsion that causes us psychological distress.

Sociological question

When sociologists look at this phenomenon, they ask:

  • How does the compulsion to constantly read negative news change our ability to form a critical opinion in society?
  • Is Doomscrolling a tool to seek control in an uncertain world, or just a symptom of the power of algorithms?
  • Who actually decides which news (and how negative) is presented to us as important on social media?

Classic view of Jürgen Habermas (born 1929): The Decline of the Public Sphere

Jürgen Habermas examined how the way people talk about politics and society has changed. He called this the Structural Transformation of the Public Sphere.

Bourgeois Public Sphere

used to be a place where citizens discussed important topics critically and rationally. The goal was a shared, reasonable opinion.

Culture Industry

is the term for media that turn information into a product for consumption. They aim to entertain, not to inform.

Decline of the Public Sphere

describes how the space for discussion turns into a space for consumption and entertainment.

Doomscrolling as an Expression of Change:

In the ideal Bourgeois Public Sphere, citizens would have actively and critically evaluated the news. They would have engaged in conversations with others.
However, with the Structural Transformation, news becomes an emotional product that is passively consumed.

Doomscrolling is a sign of this: Instead of acting rationally and discussing, we are passive readers of sensational, often negative stories. We consume doom without critically questioning it or taking active steps.Current view: Negativity Bias and Maladaptive Coping

Current perspective: We focus too much on the negative and therefore handle it poorly.

Current research shows that the digital medium itself and our psyche promote doomscrolling. Modern society is characterized by a constant digital information flow where bad news receives the most attention.

Negativity Bias:

People react more strongly to bad news than to good news. Algorithms exploit this to keep us hooked for longer.

Maladaptive Coping:

Doomscrolling often starts as an attempt to cope with uncertainty (e.g., during a crisis). One seeks information to feel safer.

Psychological Distress:

Ironically, this behavior leads to even more stress, anxiety, and sleep problems. It is a poor strategy for managing problems.

The Negativity Loop of Social Media:

On social media, we are flooded with information. The Negativity Bias ensures that our gaze lingers on bad news. When we scroll, the algorithm reacts: It shows us even more of the same because we clicked on it. Psychological Distress increases because we lose the feeling of control, even though that's what we were seeking. The digital world thus amplifies a natural psychological inclination.Terms explained

Terms explained

This is a historical concept for a space, like coffee houses or salons. Here, citizens freely discussed politics to monitor the power of the rulers.

Describes how the public sphere changed due to mass media (like newspapers and later television). The critical exchange turned into passive consumption.

This is a psychological tendency. Our brain pays more attention to negative information than to positive. This is a protective mechanism but is exploited by media.

This is a stress management strategy that ultimately causes more harm than good. Doomscrolling is an attempt to manage anxiety that actually increases it.

Food for thought

If you know that bad news is making you feel bad, but you can't stop scrolling, who is actually controlling your phone—you or the algorithm?

Kathinka’s Take: Psychology Edition

From a psychological perspective, doomscrolling can be viewed as an understandable reaction to uncertainty. Our brain tends to pay more attention to negative information than to positive information. This phenomenon is often described as the negativity bias. Bad news therefore attracts particularly strong attention because it appears like a potential threat. When people scroll for a long time, there may be a desire behind it to stay informed and thus feel safer or better prepared.

At the same time, it is possible that constantly reading distressing content increases stress levels. Negative reports could therefore intensify tension, rumination, or worries. In this way, a cycle could develop: One seeks information in order to gain control, but ends up feeling even more unsettled by the amount of bad news.

In this sense, doomscrolling could represent a maladaptive coping strategy; that is, an attempt to deal with fear or uncertainty that may, in the long term, promote additional stress. This does not mean that every form of intensive news consumption is problematic. What matters is whether the behavior stabilizes one’s well-being or rather places a strain on it.

Further reading

Classical Theorist

Habermas, Jürgen (1990): Strukturwandel der Öffentlichkeit. Suhrkamp, Frankfurt a. M. (Das Hauptwerk zur Entstehung und dem Verfall der kritischen Öffentlichkeit.)

Modern Theorist

Aalborg, C. et al. (2023): The age of doom scrolling: social media’s effect on psychological distress and insomnia. J Educ Health Promot. (Eine aktuelle Studie zur psychologischen Wirkung.)

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