Die Soziologie des Todes: Wie Gesellschaften mit dem Ende umgehen

Reviewed by Kathinka.

Um was es in diesem Text geht:

Auch wenn der Titel wie der nächste James Bond Film klingt. Dieser Text erklärt, wie die Gesellschaft mit dem Sterben und dem Tabu des Todes umgeht. Wir schauen uns an, wie Menschen früher und heute über den Tod denken und sprechen. Es geht darum, wie der Tod in unserem Alltag einen Platz findet oder eben nicht.

Soziologische Fragestellung

Wenn Soziolog:innen dieses Phänomen betrachten, fragen sie:

  • Wie regelt eine Gesellschaft, wann und wie man stirbt und Abschied nimmt?
  • Wie verändert sich unser Umgang mit dem Tod durch Medizin und Technik?
  • Warum wird der Tod in modernen Gesellschaften oft versteckt oder totgeschwiegen?

Klassische Sichtweise [vor 1968] von Émile Durkheim (1858 - 1917): Tod als Stärkung der Gemeinschaft

Émile Durkheim hat untersucht, wie der Tod die Gemeinschaft zusammenhält.

Der Tod eines Mitglieds

rüttelt die Gesellschaft wach und zeigt, was wichtig ist.

Rituale

wie Beerdigungen stärken das Gefühl der Zusammengehörigkeit und den gemeinsamen Glauben.

Suizid

ist für Durkheim ein Zeichen dafür, wie gut oder schlecht eine Person in die Gesellschaft eingebunden ist.

Der Tod als soziales Ereignis

Durkheim sah den Tod nicht nur als Ende eines Lebens, sondern als wichtiges Ereignis für die gesamte Gruppe. Wenn jemand stirbt, sind alle traurig und die Trauer wird gemeinsam erlebt. Das gemeinsame Trauern und die festen Abläufe bei einer Beerdigung helfen der Gemeinschaft, sich wieder zu ordnen und weiterzumachen.

Der Tod ist in dieser Sichtweise ein öffentliches und sichtbares Ereignis. Er bestätigt die Werte und Regeln der Gesellschaft, zum Beispiel, welche Bedeutung das Leben der verstorbenen Person hatte oder wie man sich gegenüber den Hinterbliebenen verhalten soll. Er hält die soziale Ordnung aufrecht.

Aktuelle Sichtweise [nach 1968] von Armin Nassehi (1964 - ): Der entzauberte und verwaltete Tod

Armin Nassehi beschreibt, wie der Tod in der modernen Gesellschaft nicht mehr geheimnisvoll, sondern eher ein technisches Problem ist.

Der Tod

wird heute oft aus dem Alltag verbannt und in Krankenhäuser oder Pflegeheime verschoben.

Sterben

wird durch die moderne Medizin planbar und zu einem verwalteten Prozess.

Die Gesellschaft

muss den Tod als etwas akzeptieren, das nicht perfekt kontrollierbar ist. Aber sie versucht es trotzdem.

Der Tod als gesellschaftliche Herausforderung

Nassehi sieht, dass wir in modernen Gesellschaften versuchen, den Tod zu "entzaubern" und zu kontrollieren. Weil wir fast alles in unserem Leben planen und bestimmen können, wird der Tod als etwas Ungeplantes und Unerwünschtes empfunden.

Der Tod findet nicht mehr auf dem Dorfplatz oder im eigenen Zuhause statt, sondern meistens in besonderen Einrichtungen. Das macht ihn für die meisten Menschen unsichtbar und zu einer Aufgabe für Experten (Ärzt:innen, Pfleger:innen, Bestatter:innen). Nassehi betont, dass diese Form des Sterbens zeigt, wie unsere Gesellschaft funktioniert: Wir optimieren und verwalten sogar das Ende. Trotzdem bleibt der Tod ein Ereignis, das die Grenzen dieser Verwaltung aufzeigt.

Begriffe erklärt

Das ist das gemeinsame Wissen und die Gefühle, die alle Mitglieder einer Gesellschaft teilen. Der Tod rüttelt daran und stärkt es neu.

Das sind Regeln und Verhaltensweisen, die außerhalb der einzelnen Person existieren und ihr Verhalten bestimmen. Rituale sind soziale Tatsachen.

So nennt Nassehi Momente, in denen etwas Unerwartetes passiert, das die üblichen Abläufe stört. Der Tod ist eine große Irritation im geregelten Leben.

Damit ist gemeint, dass der Tod heute durch Medizin, Gesetze und Institutionen so weit wie möglich geplant und kontrolliert wird.

Zum Nachdenken

Wenn der Tod in modernen Gesellschaften so versteckt wird – wie können wir dann noch lernen, gut damit umzugehen?

Kathinkas Take: Psychologie-Edition​

Aus meiner psychologischer Sicht berührt der Tod eines der stärksten Grundthemen des Menschen: die eigene Endlichkeit. Das Wissen, dass das Leben begrenzt ist, kann, bewusst oder unbewusst, Angst auslösen. Diese sogenannte „Existenzangst“ gehört zu den tiefsten menschlichen Gefühlen. Um damit umgehen zu können, entwickelt die Psyche Schutzmechanismen. Dazu gehören Verdrängung, Ablenkung oder der Versuch, alles rational zu erklären und zu kontrollieren.

Wenn der Tod im Alltag wenig sichtbar ist oder angesprochen wird, kann das psychisch entlastend oder gar "angenehm" wirken. Gleichzeitig kann es aber dazu führen, dass viele Menschen wenig Übung im Umgang mit Verlust haben. Trifft uns ein Todesfall direkt, können Gefühle wie Ohnmacht, Kontrollverlust oder starke Traurigkeit besonders überwältigend sein. Trauer ist dabei eine natürliche Reaktion auf Bindung: Je wichtiger ein Mensch für uns war, desto stärker ist oft der Schmerz. Psychologisch hilft Trauerarbeit, die Beziehung innerlich neu zu ordnen – die verstorbene Person ist nicht mehr da, bleibt aber Teil der eigenen Lebensgeschichte.

In modernen Gesellschaften, in denen vieles planbar und optimierbar erscheint, kann der Tod besonders bedrohlich wirken, weil er sich nie vollständig kontrollieren lässt. Das kann den Wunsch verstärken, durch medizinische Entscheidungen oder genaue Planung wenigstens ein Stück Sicherheit zurückzugewinnen. Dahinter steht ein zentrales psychologisches Bedürfnis: Menschen suchen Sinn, Kontrolle und Verbundenheit – selbst angesichts des Unvermeidlichen.

LITERATUREMPFEHLUNGEN

Klassiker*in

Durkheim, Émile (1897): Der Selbstmord.

Durkheim, Émile (1912): Die elementaren Formen des religiösen Lebens.

Moderne Theoretiker:in

Nassehi, Armin (2018): Muster: Theorie der digitalen Gesellschaft. (Behandelt die allgemeine Logik der modernen Gesellschaft)

Nassehi, A., Brüggen, S. & Saake, I. Beratung zum Tode. Eine neue ars moriendi?. Berl. J. Soziol. 12, 63–85 (2002).

004. The Sociology of Death: How Societies Deal with the End

What this text is about:

Even if the title sounds like the next James Bond movie, this text explains how society deals with dying and the taboo of death. We look at how people used to think and talk about death in the past and how they do so today. It's about how death finds a place in our everyday lives, or how it doesn't.

Sociological question

When sociologists look at this phenomenon, they ask:

  • How does a society regulate when and how people die and say goodbye?
  • How are medicine and technology changing the way we deal with death?
  • Why is death often hidden or hushed up in modern societies?

Classic view [before 1968] by Émile Durkheim (1858 - 1917): Death as a strengthening of the community

Émile Durkheim examined how death holds the community together.

The death

of a member shakes society awake and shows what is important.

Rituals

such as funerals strengthen the sense of belonging and shared beliefs.

For Durkheim,

suicide is a sign of how well or poorly a person is integrated into society.

Death as a social event

Durkheim saw death not only as the end of a life, but as an important event for the entire group. When someone dies, everyone is sad and grief is experienced collectively. Mourning together and the fixed procedures at a funeral help the community to reorganize itself and move on.

From this perspective, death is a public and visible event. It confirms the values and rules of society, for example, the significance of the deceased person's life or how to behave towards the bereaved. It maintains social order.

Current perspective [after 1968] by Armin Nassehi (1964 - ): Death demystified and managed

Armin Nassehi describes how death in modern society is no longer mysterious, but rather a technical problem.

Today,

death is often banished from everyday life and shifted to hospitals or nursing homes.

Modern medicine

makes dying plannable and turns it into a managed process.

Society

must accept death as something that cannot be perfectly controlled. But it tries to do so anyway.

Death as a social challenge

Nassehi sees that in modern societies we try to “demystify” and control death. Because we can plan and determine almost everything in our lives, death is perceived as something unplanned and undesirable.

Death no longer takes place in the village square or in one's own home, but mostly in special facilities. This makes it invisible to most people and a task for experts (doctors, nurses, undertakers). Nassehi emphasizes that this form of dying shows how our society functions: we even optimize and manage the end. Nevertheless, death remains an event that reveals the limits of this management.

Terms explained

This is the shared knowledge and feelings that all members of a society share. Death shakes this up and reinforces it.

These are rules and behaviors that exist outside the individual and determine their behavior. Rituals are social facts.

This is what Nassehi calls moments when something unexpected happens that disrupts the usual processes. Death is a major irritation in a regulated life.

This refers to the fact that death today is planned and controlled as far as possible by medicine, laws, and institutions.

Food for thought

If death is so hidden in modern societies, how can we learn to deal with it properly?

Kathinka’s Take: Psychology Edition

From my psychological perspective, death touches one of the most fundamental human themes: our own mortality. The knowledge that life is limited can, consciously or unconsciously, trigger fear. This so-called “existential anxiety” is one of the deepest human emotions. In order to cope with it, the psyche develops protective mechanisms. These include repression, distraction, or the attempt to explain and control everything rationally.

When death is rarely visible or talked about in everyday life, this can feel psychologically relieving or even “comfortable.” At the same time, however, it may lead to many people having little practice in dealing with loss. When a death affects us directly, feelings such as helplessness, loss of control, or intense sadness can feel especially overwhelming. Grief is a natural response to attachment: the more important a person was to us, the stronger the pain is often experienced. Psychologically, grief work helps to reorganize the relationship internally—the deceased person is no longer physically present, but remains part of one’s life story.

In modern societies, where much appears plannable and optimizable, death can feel particularly threatening because it can never be fully controlled. This may strengthen the desire to regain at least some sense of security through medical decisions or careful planning. Behind this lies a central psychological need: human beings seek meaning, control, and connection—even in the face of the inevitable.

Further reading

Classic theorist

Durkheim, Émile (1897): Suicide.

Durkheim, Émile (1912): The Elementary Forms of Religious Life.

Modern Theorist

Nassehi, Armin (2018): Pattern: Theory of the Digital Society. (Discusses the general logic of modern society)

Nassehi, A., Brüggen, S. & Saake, I. Beratung zum Tode. Eine neue ars moriendi?. Berl. J. Soziol. 12, 63–85 (2002).


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