Influencer: Inwiefern prägen sie moralische Vorstellungen in der Gesellschaft?

Reviewed by Kathinka.

Um was es in diesem Text geht:

Wir schauen uns an, welche Rolle sogenannte "Influencer" in unserer Gesellschaft spielen. Sind sie nur Werbung oder beeinflussen sie auch, was wir für richtig und falsch halten? Wir betrachten, wie die Soziologie diese neuen "Vorbilder" in der Netzwerkgesellschaft sieht.

Soziologische Fragestellung

Wenn Soziolog:innen dieses Phänomen betrachten, fragen sie:

  • Wie verändern soziale Netzwerke wie Social Media die Regeln dafür, was in der Gesellschaft als richtig oder falsch gilt?
  • Wer bestimmt in den sozialen Medien (durch die Technik), wie glaubwürdig und wie bekannt (Reichweite) ein Influencer ist?
  • Machen Influencer uns einsamer, oder helfen sie uns, neue Arten von Gemeinschaft zu bilden?

Klassische Sichtweise: Mark Granovetter (geb. 1943): Die Stärke schwacher Bindungen

Der Soziologe Mark Granovetter hat untersucht, wie Beziehungen zwischen Menschen funktionieren. Er wollte wissen, welche Rolle sie spielen, wenn es darum geht, Informationen weiterzugeben oder an Hilfe zu kommen (Ressourcen).

Granovetter unterscheidet zwei Arten von Beziehungen:

  • Starke Bindungen: Das sind enge Freunde und die Familie. Menschen, die dir sehr nah sind.
  • Schwache Bindungen: Das sind Bekannte oder lockere Kontakte. Die schwachen Bindungen sind oft sehr wichtig, wenn sich neue Informationen oder Ideen verbreiten sollen. Sie bauen Brücken zu anderen Gruppen von Menschen, die du nicht kennst.

Klassische Sichtweise: Robert Putnam's "Bowling Alone"

Influencer geben in unserer komplizierten Welt einfache Antworten. Sie wirken dabei oft sehr echt. Sie sind wie Ratgeber für Fragen zur Moral und dazu, wie man leben soll.

Früher waren die Menschen stark in Vereinen oder Kirchen verbunden. Diese Gruppen und das Miteinander (Sozialkapital) werden heute weniger. Darum suchen die Menschen neue, leichtere Wege, um sich zu orientieren und Teil einer Gemeinschaft zu sein.

Influencer füllen diese Lücke. Sie bieten Dir eine parasoziale Interaktion. Das ist ein Gefühl von Nähe. Es fühlt sich an wie eine echte Gemeinschaft. Aber Du musst Dich nicht wirklich engagieren. Ihre Ratschläge (ihre Moral) sind oft eng verbunden mit Kaufen (Konsum) und damit, wie sie sich selbst zeigen.

Influencer nutzen diese schwachen Bindungen. Sie können ihre Botschaften schnell in viele verschiedene Netzwerke senden.

Sie schließen auch Löcher in Netzwerken. Das bedeutet: Sie verbinden Gruppen miteinander, die vorher keinen direkten Kontakt hatten. Deshalb können sie so viele Menschen erreichen (Reichweite).

Wie die Gesellschaft früher Vorbilder sah

Vor dem Internet waren moralische Vorbilder oft aus der Kirche, Politik, Familie, Schule,.... Der Einfluss war regional begrenzt und basierte auf starken, persönlichen Bindungen.

Die Verbreitung von moralischen Normen erfolgte primär über diese starken Bindungen.

Aktuelle Sichtweise: Manuel Castells (geb. 1942): Moral in der Netzwerkgesellschaft

Der Soziologe Manuel Castells nennt unsere heutige Zeit eine „Netzwerkgesellschaft“. Das bedeutet: Große, globale Netzwerke bestimmen, wo die Macht liegt und wie die Gesellschaft aufgebaut ist.

Die Regeln dieser Netzwerke sind in allen Bereichen wichtig. Es ist nicht mehr so entscheidend, wo Du wohnst (geografische Nähe). Wichtiger ist, welche Stellung Du im Netzwerk hast.

Die Macht liegt nicht mehr nur bei Ämtern oder alten, großen Firmen (Institutionen). Die Macht haben jetzt die Menschen, die diese Netzwerke steuern und programmieren können.

Influencer sind Menschen, die Netzwerke schnell nutzen und ihre Inhalte verbreiten können.

Deine eigene Identität (die Frage: „Wer bin ich?“) wird in dieser Gesellschaft oft zu einem „Projekt“. Du musst ständig mit dem Netzwerk darüber sprechen, wer Du sein willst. Influencer zeigen Dir schon „fertige“ Identitäten. Sie sind wie eine moralische Vorlage.

Begriffe erklärt

Enge, häufige, reziproke Beziehungen (Familie, enge Freunde). Wichtig für Unterstützung und Vertrauen.

Seltene, lose Beziehungen (Bekannte). Wichtig für Zugang zu neuen Informationen und weitreichende Verbreitung.

Eine Gesellschaftsstruktur, in der soziale und ökonomische Aktivitäten durch globale, digitale Netzwerke organisiert werden.

Die Vorteile, die sich aus sozialen Netzwerken ergeben (Vertrauen, Normen, Kooperation). Putnam beschreibt einen Rückgang davon in den USA, den Influencer digital zu kompensieren versuchen.

Zum Nachdenken

Warum hören Menschen eher auf Influencer:innen als auf Wissenschaftler:innen?

Viele Menschen vertrauen Influencer:innen mehr als der Wissenschaft. Das liegt an einfachen Gründen:

1. Influencer:innen fühlen sich an wie Freunde (Nähe und Vertrauen)
Influencer:innen zeigen ihr persönliches Leben und reden ganz direkt. Das gibt uns das Gefühl, sie gut zu kennen und ihnen zu vertrauen. Fachleute (Wissenschaftler:innen) sprechen dagegen oft kompliziert und unpersönlich. Ihre Forschungsergebnisse sind schwer zu verstehen. Influencer:innen bieten einfache Botschaften, die sofort einleuchten.

2. Influencer:innen bieten schnellen Halt (Gemeinschaft und Lückenfüller)
Früher gaben uns Vereine oder Kirchen Antworten. Heute werden diese Gemeinschaften schwächer. Influencer:innen füllen diese Lücke: Sie sind schnell erreichbar und geben uns das Gefühl, dazuzugehören. Ihre Tipps sind sofort anwendbar. Wissenschaftliche Erkenntnisse bleiben oft abstrakt und unpraktisch.

3. Das Internet mag Einfachheit (Reichweite und Algorithmen)
Im Internet zählt, was schnell und weit verbreitet wird. Einfache, emotionale Inhalte von Influencer:innen verbreiten sich dank der Algorithmen besser. Komplexe, vorsichtige Studien der Wissenschaft sind dafür nicht gemacht.

Influencer:innen bieten gefühlte Nähe und einfache Lösungen. Sie nutzen die Regeln der sozialen Medien perfekt aus. Die Glaubwürdigkeit verschiebt sich so von der komplizierten Institution (Wissenschaft) hin zur vermeintlich vertrauenswürdigen Person (Influencer:in).

Wenn Influencer moralische Vorbilder sind und sie Dich nur durch lockere Kontakte (schwache Bindungen) erreichen:
Ist diese Moral dann genauso wichtig und bindend für Dich wie die Regeln in Deiner Familie oder unter Deinen engen Freund:innen?

Kathinkas Take: Psychologie-Edition​

Aus meiner psychologischer Sicht können Influencer eine besondere Rolle für unser Selbstbild und unsere Werte spielen. Menschen orientieren sich von klein auf an Vorbildern, um zu lernen, was „richtig“ oder „erstrebenswert“ ist. Früher waren das oft Personen aus dem direkten Umfeld. Heute können es auch Menschen sein, die wir nur über einen Bildschirm kennen. Entscheidend ist dabei nicht die echte Nähe, sondern das Gefühl von Nähe.

Psychologisch spricht man hier von parasozialen Beziehungen. Das bedeutet: Wir erleben eine einseitige, aber emotional echte Verbindung zu einer Person, die uns gar nicht persönlich kennt. Wenn Influencer viel aus ihrem Alltag teilen, entsteht leicht der Eindruck von Freundschaft und Vertrauen. Dieses Vertrauen kann dazu führen, dass ihre Meinungen, Empfehlungen oder moralischen Botschaften besonders glaubwürdig wirken.

Gleichzeitig befinden sich viele Menschen, besonders Jugendliche, in einer Phase der Identitätssuche. Sie fragen sich: Wer bin ich? Wofür stehe ich? Influencer präsentieren oft klare, fertige Lebensentwürfe. Das kann Orientierung geben, aber auch Druck erzeugen, wenn man glaubt, genauso sein zu müssen. Psychologisch gesehen erfüllen Influencer damit ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Orientierung und Selbstwert. Entscheidend ist jedoch, ob diese Orientierung die eigene Entwicklung stärkt oder ob sie dazu führt, dass man sich selbst ständig mit einem idealisierten Bild vergleicht.

LITERATUREMPFEHLUNGEN

Klassiker*in

Granovetter, Mark (1973): Die Stärke schwacher Bindungen.

Castells, Manuel (1996): Die Netzwerkgesellschaft. Der Aufstieg der Netzwerk-Gesellschaft.

Moderne Theoretiker:in

Putnam, Robert (2000): Bowling alone :the collapse and revival of American community. New York: Simon & Schuster.

Influencers: To what extent do they shape moral values in society?

What this text is about:

We look at the role that so-called “influencers” play in our society. Are they just advertising, or do they also influence what we consider right and wrong? We consider how sociology views these new “role models” in the network society.

Sociological question

When sociologists look at this phenomenon, they ask:

  • How do social networks such as social media change the rules for what is considered right or wrong in society?
  • Who determines (through technology) how credible and how well-known (reach) an influencer is on social media?
  • Do influencers make us lonelier, or do they help us form new types of community?

Classical view: Mark Granovetter (born 1943): The strength of weak ties

Sociologist Mark Granovetter has studied how relationships between people work. He wanted to know what role they play when it comes to passing on information or getting help (resources).

Granovetter distinguishes between two types of relationships:

  • Strong ties: These are close friends and family. People who are very close to you.
  • Weak ties: These are acquaintances or casual contacts. Weak ties are often very important when it comes to spreading new information or ideas. They build bridges to other groups of people you don't know.

Classical view: Robert Putnam's “Bowling Alone”

Influencers provide simple answers in our complicated world. They often come across as very genuine. They are like advisors on questions of morality and how to live your life.

In the past, people had strong ties to clubs or churches. These groups and the sense of community (social capital) are becoming less common today. That is why people are looking for new, easier ways to find their bearings and be part of a community.

Influencers fill this gap. They offer you a parasocial interaction. This is a feeling of closeness. It feels like a real community. But you don't really have to get involved. Their advice (their morals) is often closely linked to buying (consumption) and how they present themselves.

Influencers exploit these weak ties. They can quickly send their messages to many different networks.

They also close gaps in networks. This means they connect groups that previously had no direct contact with each other. That's why they can reach so many people (reach).

How society used to see role models

Before the internet, moral role models often came from the church, politics, family, school, etc. Their influence was limited to a specific region and was based on strong, personal ties.

Moral norms were primarily disseminated through these strong ties.

Current view: Manuel Castells (born 1942): Morality in the network society

Sociologist Manuel Castells calls our current era a “network society.” This means that large, global networks determine where power lies and how society is structured.

The rules of these networks are important in all areas. It is no longer so important where you live (geographical proximity). What is more important is your position in the network.

Power no longer lies solely with government agencies or old, large companies (institutions). Power now lies with the people who can control and program these networks.

Influencers are people who can quickly use networks and disseminate their content. Your own identity (the question: “Who am I?”) often becomes a ‘project’ in this society. You have to constantly talk to the network about who you want to be. Influencers show you “ready-made” identities. They are like a moral template.

Terms explained

Close, frequent, reciprocal relationships (family, close friends). Important for support and trust.

Rare, loose relationships (acquaintances). Important for access to new information and wide dissemination.

A social structure in which social and economic activities are organized through global, digital networks.

The benefits that arise from social networks (trust, norms, cooperation). Putnam describes a decline in this in the US, which influencers are trying to compensate for digitally.

Food for thought

Why do people listen to influencers rather than scientists?

Many people trust influencers more than science. There are simple reasons for this:

1. Influencers feel like friends (closeness and trust) Influencers show their personal lives and speak very directly. This gives us the feeling that we know them well and trust them. Experts (scientists), on the other hand, often speak in a complicated and impersonal way. Their research results are difficult to understand. Influencers offer simple messages that are immediately clear.

2. Influencers offer quick support (community and gap fillers) In the past, clubs or churches provided us with answers. Today, these communities are becoming weaker. Influencers fill this gap: they are quickly accessible and give us a sense of belonging. Their tips can be applied immediately. Scientific findings often remain abstract and impractical.

3. The internet likes simplicity (reach and algorithms) On the internet, what counts is what spreads quickly and widely. Simple, emotional content from influencers spreads better thanks to algorithms. Complex, cautious scientific studies are not designed for this.

Influencers offer perceived closeness and simple solutions. They exploit the rules of social media to perfection. Credibility thus shifts from the complicated institution (science) to the supposedly trustworthy person (influencer).

If influencers are moral role models and they only reach you through casual contacts (weak ties):
Is this morality then just as important and binding for you as the rules in your family or among your close friends?

Kathinka’s Take: Psychology Edition

From my psychological perspective, influencers can play a special role in shaping our self-image and our values. From an early age, people look to role models to learn what is considered “right” or “desirable.” In the past, these were often people from our immediate environment. Today, they can also be individuals we only know through a screen. What matters is not real closeness, but the feeling of closeness.

In psychology, this is referred to as parasocial relationships. This means we experience a one-sided, yet emotionally real connection to someone who does not personally know us. When influencers share a lot about their everyday lives, it can easily create a sense of friendship and trust. This trust can make their opinions, recommendations, or moral messages appear especially credible.

At the same time, many people—especially adolescents—are in a phase of identity development. They ask themselves: Who am I? What do I stand for? Influencers often present clear, ready-made lifestyles or value systems. This can provide orientation, but it can also create pressure if one feels the need to be the same. From a psychological point of view, influencers may fulfill needs for belonging, orientation, and self-esteem. What ultimately matters, however, is whether this orientation supports one’s personal development—or leads to constant comparison with an idealized image.

Further reading

Classic theorist

Granovetter, Mark (1973): The Strength of Weak Ties.

Castells, Manuel (1996): The Network Society. The Rise of the Network Society.

Modern Theorist

Putnam, Robert (2000): i>Bowling Alone. The Collapse and Revival of American Community.

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