Echokammern: Warum sehen wir online nur unsere eigene Meinung?

Reviewed by Kathinka.

Um was es in diesem Text geht:

Echokammern sind wie digitale Räume im Internet, in denen wir fast nur Meinungen und Informationen sehen, die unsere eigenen bestätigen. Das liegt daran, dass soziale Medien uns meistens Inhalte zeigen, die uns gefallen. So treffen wir online seltener auf andere Sichtweisen und können das Gefühl bekommen, dass alle so denken wie wir.

Soziologische Fragestellung

Wenn Soziolog:innen dieses Phänomen betrachten, fragen sie:

  • Warum sehen oder hören wir im Internet oft nur Meinungen, die wir schon kennen?
  • Wie verändert es unsere Sicht auf die Welt, wenn wir nur eine Art von Meinung sehen oder hören?
  • Wie können wir es schaffen, auch andere Meinungen im Internet zu finden und anzuhören?

Klassische Sichtweise: Niklas Luhmann (1927 – 1998): Echokammern als System

Luhmann würde eine Echokammer als ein geschlossenes Kommunikationssystem sehen.

Luhmanns Sicht (Kurzfassung):

  • Die Gesellschaft besteht aus Systemen: Für Luhmann ist die Welt in viele getrennte Systeme unterteilt (wie Medien, Politik, Wirtschaft), die nur das beachten, was für sie selbst wichtig ist.
  • Geschlossenheit: Jedes System schirmt sich ab und kommuniziert hauptsächlich mit sich selbst. Er nennt das "Operationale Geschlossenheit".

Echokammern als geschlossenes System:

  • Eine Echokammer ist ein perfektes Beispiel dafür: Sie wählt nur Informationen und Meinungen aus, die schon vorhanden sind. Sie ignoriert alles andere ("die Umwelt").
  • Das Ziel der Echokammer ist, stabil zu bleiben und die eigene Kommunikation ohne Störung fortzusetzen (Selbstbestätigung).
  • Das Problem: Weil das System so geschlossen ist, kann es keine neuen Informationen oder notwendige Kritik mehr aufnehmen. Es wird starr und kann sich nicht an die echte Realität anpassen. Die Sicht auf die Welt wird zu eng.

Binäre Kommunikation

Der Soziologe Niklas Luhmann erklärt, dass jedes gesellschaftliche System (wie die Wissenschaft, die Politik oder die Wirtschaft) die Welt stark vereinfacht. Es teilt alles nur in zwei einfache Gegensätze ein. Dies nennt er Binäre Kommunikation.

Jedes System benutzt dafür seinen eigenen Ja/Nein-Code, um zu entscheiden, was für es relevant ist und was ignoriert wird.
  • In der Wissenschaft ist dieser Code Wahr oder Unwahr.
  • Im Recht ist es Rechtmäßig oder Unrechtmäßig.
  • In der Wirtschaft ist es Zahlen oder Nicht-Zahlen.
Dieser einfache Code hilft dem System, schnell zu funktionieren und sich von der komplexen Außenwelt abzugrenzen. Alles, was nicht in diesen zwei Optionen ausgedrückt werden kann, wird vom System nicht beachtet.
Übrigens, auch Computer und ihre Programme funktionieren so. Sie unterscheiden nur 0 und 1, unwahr und wahr.

Aktuelle Sichtweise: Bernard Enjolras und Andrew Salway (2022)

Viele Wissenschaftler interessieren sich dafür, wie Menschen mit ähnlichen politischen Ansichten in sozialen Medien miteinander in Kontakt treten. Das wird "ideologische Homophilie" genannt. Man glaubt, dass das zu sogenannten "Filterblasen" oder "Echokammern" führen kann, in denen man nur Meinungen von Gleichgesinnten hört. Das könnte die Gesellschaft politisch spalten.

Aber es ist nicht sicher, ob ideologische Homophilie wirklich immer zu Echokammern und mehr Spaltung führt. Obwohl sich viele politische Gespräche in sozialen Medien unter Gleichgesinnten abspielen, gibt es auch oft Kontakte zu Menschen mit anderen Meinungen.

Die Forscher Bernard Enjolras und Andrew Salway haben Twitter-Daten untersucht, um zu sehen, wie sehr ideologische Homophilie, Echokammern und Spaltung während der norwegischen Wahl 2017 im Netzwerk politischer Twitter-Nutzer vorkamen.

Sie fanden eine gewisse ideologische Homophilie, aber keine Beweise für Echokammern im politischen Twitter-Netzwerk in Norwegen während der Wahl 2017. Trotzdem war das Netzwerk der Retweets stark in verschiedene politische Lager gespalten.

Die Ergebnisse zeigen, dass die politische Trennung in sozialen Medien nicht nur an den Plattformen liegt. Es gibt auch andere Gründe als die angebliche Verstärkung von Echokammern durch die Technik.

Begriffe erklärt

Das ist eine Idee, die besagt, dass die Gesellschaft aus vielen getrennten Teilen besteht (wie Politik, Medien, Wirtschaft). Jeder Teil macht nur das, was für ihn wichtig ist, und redet hauptsächlich mit sich selbst.

Ein digitaler Raum im Internet, in dem man fast nur Meinungen und Infos sieht, die man schon hat oder gut findet. Es ist, als würde man in einem Raum nur die eigene Stimme hören.

Das beschreibt, wenn Menschen im Internet oder sozialen Medien am liebsten mit Leuten Kontakt haben, die politisch genau gleich denken wie sie selbst.

Das ist die Idee, dass ein System (wie eine Echokammer) sich von der Außenwelt abschirmt. Es wählt nur das aus, was seine eigenen Abläufe und Meinungen bestätigt, und ignoriert alles andere.

Das bedeutet, dass ein System alles nur in zwei einfache Kategorien einteilt. Zum Beispiel: In der Politik gibt es nur "richtig" oder "falsch", in der Wirtschaft nur "zahlen" oder "nicht zahlen". Es gibt keine Graustufen. Auch Computer funktionieren so.

Zum Nachdenken

Glaubst du, du siehst im Internet auch Meinungen, die anders sind als deine, oder hörst du meistens nur das, was du sowieso schon denkst?

Kathinkas Take: Psychologie-Edition​

Wenn wir online unterwegs sind, entscheidet nicht nur die Technik, was wir sehen. Auch unsere Psyche spielt eine wichtige Rolle. Menschen neigen dazu, Informationen zu bevorzugen, die ihre bestehenden Überzeugungen bestätigen. Dieses Phänomen wird häufig als Confirmation Bias bezeichnet. Widersprüchliche Meinungen können inneren Stress auslösen, weil sie unser Selbstbild oder unsere Werte infrage stellen.

Soziale Medien können diese Tendenz unbewusst verstärken. Wenn wir Inhalte liken oder anklicken, die unserer Meinung entsprechen, bekommen wir häufig durch verschiedene Algorithmen mehr davon angezeigt. Psychologisch fühlt sich das angenehm an: Wir erleben Zustimmung, Klarheit und das Gefühl, „richtig“ zu liegen. Das kann kurzfristig unser Selbstwertgefühl stärken und Sicherheit geben. Gleichzeitig kann es dazu führen, dass wir andere Perspektiven seltener wahrnehmen oder schneller abwerten.

Besonders in unsicheren Zeiten suchen Menschen Orientierung und einfache Erklärungen. Eine Echokammer kann dann wie ein geschützter Raum wirken, in dem alles stimmig erscheint. Langfristig kann dies jedoch die Fähigkeit schwächen, unterschiedliche Meinungen auszuhalten und auszubalancieren. Psychologisch betrachtet geht es daher nicht nur um Algorithmen, sondern auch um ein menschliches Grundbedürfnis: Wir wünschen uns Konsistenz, Zugehörigkeit und ein stabiles Bild von der Welt.

LITERATUREMPFEHLUNGEN

Klassiker*in

Bernard Enjolras und Andrew Salway (2022). "No evidence of echo chambers: Homophily, polarisation, and the 2017 Norwegian election on Twitter". In: Social Media + Society, 8(3).

Moderne Theoretiker:in

Niklas Luhmann (1984). Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.

Echo chambers: Why do we only see our own opinions online?

What this text is about:

Echo chambers are like digital spaces on the internet where we almost exclusively see opinions and information that confirm our own. This is because social media mostly shows us content that we like. As a result, we are less likely to encounter other points of view online and may get the feeling that everyone thinks the same way we do.

Sociological question

When sociologists look at this phenomenon, they ask:

  • Why do we often only see or hear opinions on the internet that we already know?
  • How does it change our view of the world when we only see or hear one type of opinion?
  • How can we manage to find and listen to other opinions on the internet?

Traditional view: Niklas Luhmann (1927–1998): Echo chambers as a system

Luhmann would see an echo chamber as a closed communication system.

Luhmann's view (summary):

  • Society consists of systems:For Luhmann, the world is divided into many separate systems (such as media, politics, economy), which only pay attention to what is important to them.
  • Closure: Each system shields itself and communicates mainly with itself. He calls this "operational closure".

Echo chambers as a closed system:

  • An echo chamber is a perfect example of this: it only selects information and opinions that already exist. It ignores everything else ("the environment").
  • The aim of the echo chamber is to remain stable and continue its own communication without disruption (self-affirmation).
  • The problem: Because the system is so closed, it can no longer absorb new information or necessary criticism. It becomes rigid and cannot adapt to real reality. Its view of the world becomes too narrow.

Binary communication

Sociologist Niklas Luhmann explains that every social system (such as science, politics or economics) greatly simplifies the world. It divides everything into two simple opposites. He calls this binary communication.

Each system uses its own yes/no code to decide what is relevant to it and what is ignored.

  • In science, this code is true or false.
  • In law, it is lawful or unlawful.
  • In the economy, it's a case of pay or no pay.


This simple code helps the system to function quickly and to separate itself from the complex outside world. Anything that cannot be expressed in these two options is ignored by the system.

Incidentally, computers and their programmes work in the same way. They only distinguish between 0 and 1, false and true.

Current perspective: Bernard Enjolras and Andrew Salway (2022)

Many scientists are interested in how people with similar political views connect with each other on social media. This is called "ideological homophily". It is believed that this can lead to so-called "filter bubbles" or "echo chambers" in which people only hear opinions from like-minded individuals. This could divide society politically.

But it is not certain that ideological homophily always leads to echo chambers and greater division. Although many political discussions on social media take place among like-minded people, there is often contact with people who hold different opinions.

Researchers Bernard Enjolras and Andrew Salway examined Twitter data to see how much ideological homophily, echo chambers, and polarisation occurred in the network of political Twitter users during the 2017 Norwegian election.

They found a certain ideological homophily, but no evidence of echo chambers in the political Twitter network in Norway during the 2017 election. Nevertheless, the network of retweets was strongly divided into different political camps.

The results show that political division on social media is not solely attributable to the platforms. There are other reasons besides the alleged amplification of echo chambers by technology.

Terms explained

This is an idea that says society consists of many separate parts (such as politics, media, economy). Each part only does what is important to it and mainly talks to itself.

A digital space on the internet where you almost exclusively see opinions and information that you already hold or agree with. It's like being in a room where you can only hear your own voice.

This describes when people on the internet or social media prefer to interact with people who think exactly the same way they do politically.

This is the idea that a system (such as an echo chamber) shields itself from the outside world. It selects only that which confirms its own processes and opinions, ignoring everything else.

This means that a system divides everything into just two simple categories. For example: in politics, there is only "right" or "wrong"; in economics, only "pay" or "do not pay". There are no shades of grey. Computers also work this way.

Food for thought

Do you think you see opinions on the internet that differ from your own, or do you mostly just hear what you already think?

Kathinka’s Take: Psychology Edition

When we are online, it is not only technology that determines what we see. Our psyche also plays an important role. People tend to prefer information that confirms their existing beliefs. This phenomenon is often referred to as confirmation bias. Contradictory opinions can trigger inner stress because they challenge our self-image or our values.

Social media can unconsciously reinforce this tendency. When we like or click on content that aligns with our views, various algorithms often show us even more of it. Psychologically, this feels pleasant: we experience agreement, clarity, and the feeling of being “right.” This can strengthen our self-esteem in the short term and provide a sense of security. At the same time, it can lead us to perceive other perspectives less often or to dismiss them more quickly.

Especially in uncertain times, people look for orientation and simple explanations. An echo chamber can then feel like a protected space where everything seems consistent. In the long run, however, this may weaken our ability to tolerate and balance differing opinions. From a psychological point of view, it is therefore not only about algorithms, but also about a basic human need: we seek consistency, belonging, and a stable view of the world.

Further reading

Classic theorist

Bernard Enjolras und Andrew Salway (2022). "No evidence of echo chambers: Homophily, polarisation, and the 2017 Norwegian election on Twitter". In: Social Media + Society, 8(3).

Modern Theorist

Luhmann, N., Baecker, D., & Gilgen, P. (2013). Introduction to systems theory (p. 63). Cambridge: Polity.

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