007. Cybermobbing: Die Dynamik von Gewalt im Netz.

Reviewed by Kathinka.

Um was es in diesem Text geht:

Soziolog:innen und Sozialpsycholog:innen interessiert, wie sich das Zusammenleben von Menschen durch das Internet verändert. Cybermobbing ist eine neue Form von Gewalt, die zeigt, wie Regeln und Beziehungen im digitalen Raum funktionieren – oder eben nicht. Sie untersuchen, wer Täter:innen und Opfer sind und welche Folgen diese digitale Gewalt für die Gesellschaft hat.

Soziologische Fragestellung

Wenn Soziolog:innen dieses Phänomen betrachten, fragen sie:

  • Wie verändert das Internet die Regeln von Gewalt? Wer wird Täter:in, wer wird Opfer im digitalen Raum?
  • Gender und Geschlecht: Werden Mädchen oder Frauen im Netz anders angegriffen als Jungen oder Männer? Welche Rollenbilder spielen bei den Angriffen eine Rolle?
  • Minderheiten und Hass im Netz: Wie wird Cybermobbing genutzt, um Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung (z.B. LGBT+) oder Herkunft auszugrenzen und anzugreifen?

Klassische Sichtweise vor 1968: Hannah Arendt (1906-1975): Die Banalität des Bösen im Netz

Der Verlust des öffentlichen Raumes und die "Banalität des Bösen"

Die Art, wie Cybermobbing die Grenze zwischen Privat und Öffentlich verwischt und die Täter ihre Verantwortung verleugnen können, passt zu Arendts Forschung weit vor der Zeit des Internets.

  • Arendt unterschied scharf zwischen dem privaten und dem öffentlichen Raum (der Ort, an dem Menschen politisch und frei agieren). Beim Cybermobbing wird der private Raum des Opfers in den öffentlichen (digitalen) Raum gezerrt und dort zur Schau gestellt, was zur Zerstörung der Identität führt.
  • Ihr Konzept der "Banalität des Bösen" – abgeleitet aus der Analyse von Tätern, die Böses taten, ohne dabei monströse Motive zu haben – passt zur psychologischen Distanz der Täter im Netz. Das Böse geschieht oft durch Gedankenlosigkeit und mangelndes Vorstellungsvermögen für das Leid des Opfers.
  • Arendt sah Macht als etwas an, das nur in der Gemeinschaft entsteht ("Macht ist nicht Besitz, sondern Beziehung"). Beim Cybermobbing erlangen die Täter ihre Macht durch die Masse der Follower oder Mittäter (die digitale Menge), die ihre Angriffe legitimiert und verstärkt.

Der kurze Weg von der Gedankenlosigkeit zu Gewalt

Hannah Arendt hat das Internet nicht gekannt, aber ihre Ideen helfen uns, Cybermobbing zu verstehen. Sie hat gezeigt, wie schlimm es ist, wenn die Grenze zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen verschwindet.

Beim Cybermobbing werden private Dinge des Opfers ins Netz gezogen und öffentlich gemacht – das zerstört die Person. Außerdem meinte Arendt, dass Schlimmes oft nicht aus bösen Absichten, sondern aus Gedankenlosigkeit passiert, weil Täter nicht darüber nachdenken, wie sehr sie andere verletzen. Diese „Banalität des Bösen" sehen wir auch bei Tätern im Internet, die glauben, ihre Taten seien nicht so schlimm, weil sie das Opfer nicht sehen.

Aktuelle Sichtweise nach 1968: Michel Foucault (1926-1984): Die Macht, die uns beobachtet

Die Macht

Michel Foucault hat gezeigt, dass Macht nicht nur etwas ist, das uns verbietet, sondern uns auch formt und uns sagt, wer wir sind und was wir sagen dürfen. Beim Cybermobbing geht es darum, die digitale Sichtbarkeit des Opfers zu kontrollieren.

  • Foucault sah Macht nicht als etwas, das nur von oben kommt (vom Staat), sondern als viele kleine Beziehungen, die uns überall umgeben und unser Wissen über uns selbst schaffen.
  • Foucault hat erklärt, dass Überwachung und das Gefühl, immer beobachtet werden zu können, uns dazu bringt, uns selbst zu kontrollieren und zu disziplinieren.
  • Er untersuchte, wie Wissen (zum Beispiel über Sexualität oder psychische Probleme) und Macht zusammenhängen. Wer Wissen hat und schafft, hat auch Macht über andere.

Die digitale Kontrolle: Wie Cybermobbing uns diszipliniert

Foucaults Ideen helfen uns zu verstehen, dass es beim Cybermobbing nicht nur um die direkte Beleidigung geht, sondern um eine Form von Machtausübung durch ständige Beobachtung und Öffentlichmachung.

Die Täter im Netz errichten ein digitales Panoptikum: Das Opfer weiß nie genau, wann und von wem es beobachtet oder angegriffen wird. Die ständige Gefahr, dass intime Nachrichten, peinliche Fotos oder falsche Gerüchte veröffentlicht werden, führt zu einer Selbstdisziplinierung des Opfers. Das Opfer fängt an, sein Verhalten im Netz und im echten Leben ständig zu kontrollieren, um keine Angriffsfläche zu bieten. Das Ziel der Täter ist es, die Identität des Opfers öffentlich zu bestrafen und zu normalisieren (es soll sich den Regeln der digitalen Gemeinschaft fügen).

Cybermobbing zeigt, wie die Macht der Sichtbarkeit funktioniert. Indem die Täter private Informationen produzieren und verbreiten (oft über die Sexualität, den Körper oder die Herkunft des Opfers), schaffen sie ein "Wissen" über das Opfer, das dessen sozialen Wert mindert. Dieses digitale "Wissen" wird dann als Wahrheit akzeptiert und dient dazu, das Opfer auszugrenzen und zu bestrafen.

Begriffe erklärt

Schlimme Taten werden oft aus Gedankenlosigkeit und mangelndem Vorstellungsvermögen für das Leid des Opfers begangen, nicht aus monströsen Motiven.

Der Ort, an dem Menschen als Gleiche zusammenkommen, um frei und politisch zu sprechen und zu handeln. Beim Cybermobbing wird dieser Raum verzerrt.

Eine Bauweise von Gefängnissen, bei der die Wärter immer unsichtbar bleiben, aber jederzeit sehen könnten. Das Gefühl, beobachtet werden zu können, führt zur Selbstkontrolle der Insassen. Im Netz ist das die ständige Angst des Opfers vor neuen Veröffentlichungen.

Wissen ist nicht neutral, sondern wird immer in Machtbeziehungen geschaffen. Wer "weiß", wie man jemanden digital bloßstellt, übt Macht aus.

Zum Nachdenken

Zensieren wir unsere eigenen Posts und Kommentare im Netz schon, weil wir Angst haben, dass uns die digitale Masse dafür bestrafen könnte?

Kathinkas Take: Psychologie-Edition​

Digitale Kommunikation verändert nicht nur, wie wir miteinander sprechen, sondern auch, wie Gewalt entstehen und sich ausbreiten kann. Cybermobbing trifft dabei zentrale menschliche Bedürfnisse: den Wunsch nach Zugehörigkeit, Anerkennung und Sicherheit. Im Internet fehlen oft direkte Rückmeldungen wie Mimik, Stimme oder Tränen. Diese Distanz senkt Hemmschwellen. Dinge, die man im direkten Gespräch kaum sagen würde, werden schneller geschrieben und veröffentlicht. Anonymität und räumliche Entfernung können enthemmend wirken.

Für Betroffene ist die Belastung häufig besonders hoch, weil es kaum geschützte Rückzugsräume gibt. Das Smartphone ist ständig präsent, verletzende Inhalte können jederzeit wieder auftauchen oder geteilt werden. Dadurch entsteht leicht ein Gefühl von Daueranspannung und Kontrollverlust. Scham, Angst oder Hilflosigkeit können sich verstärken, vor allem, wenn viele zuschauen oder mitmachen. Gerade im Jugendalter, wenn der Selbstwert stark von sozialer Anerkennung abhängt, können öffentliche Bloßstellungen das eigene Selbstbild tief erschüttern.

Auch auf Täterseite wirken bestimmte Dynamiken. Gruppendruck, der Wunsch nach Aufmerksamkeit oder Status und das Gefühl, Teil einer digitalen Menge zu sein, begünstigen aggressives Verhalten. Wenn viele beteiligt sind, verteilt sich die Verantwortung: die einzelne Person fühlt sich weniger zuständig für den Schaden. So entsteht schnell eine Eigendynamik, die sich verselbstständigt. Letztlich macht Cybermobbing deutlich, wie verletzlich unser Bedürfnis nach Anerkennung ist und wie wichtig es ist, dass wir verantwortungsvoll mit der Macht der digitalen Öffentlichkeit umgehen müssen.

LITERATUREMPFEHLUNGEN

Klassiker*in

Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben (1958)

Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen (1963)

Moderne Theoretiker:in

Michel Foucault: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses (1975)

Michel Foucault: Sexualität und Wahrheit (Band 1: Der Wille zum Wissen, 1976)

007. Cyberbullying: The dynamics of violence on the internet.

What this text is about:

Sociologists and social psychologists are interested in how the internet is changing the way people live together. Cyberbullying is a new form of violence that shows how rules and relationships work – or don't work – in the digital space. They are investigating who the perpetrators and victims are and what consequences this digital violence has for society.

Sociological question

When sociologists look at this phenomenon, they ask:

  • How is the internet changing the rules of violence? Who becomes the perpetrator and who becomes the victim in the digital space?
  • Gender and sex: Are girls or women attacked differently online than boys or men? What role models play a part in the attacks?
  • Minorities and hate on the internet: How is cyberbullying used to exclude and attack people based on their sexual orientation (e.g. LGBT+) or origin?

Traditional perspective before 1968: Hannah Arendt (1906–1975): The banality of evil on the internet

The loss of public space and the "banality of evil"

The way cyberbullying blurs the line between private and public life and allows perpetrators to deny responsibility fits in with Arendt's research, which was conducted long before the advent of the internet.

  • Arendt made a sharp distinction between the private and the public sphere (the place where people act politically and freely). In cyberbullying, the victim's private space is dragged into the public (digital) space and exposed there, leading to the destruction of their identity.
  • Her concept of the "banality of evil" – derived from her analysis of perpetrators who committed evil acts without having monstrous motives – fits with the psychological distance of perpetrators on the internet. Evil often occurs through thoughtlessness and a lack of imagination regarding the suffering of the victim.
  • Arendt saw power as something that only arises in community ("Power is not possession, but relationship"). In cyberbullying, perpetrators gain their power through the mass of followers or accomplices (the digital crowd) who legitimise and amplify their attacks.

The short path from thoughtlessness to violence

Hannah Arendt did not know the internet, but her ideas help us to understand cyberbullying. She showed how bad it is when the boundary between the private and the public disappears.

In cyberbullying, the victim's private matters are posted online and made public – this destroys the person. Arendt also believed that bad things often happen not because of evil intentions, but because of thoughtlessness, because perpetrators do not think about how much they are hurting others. We also see this "banality of evil" in perpetrators on the internet who believe that their actions are not so bad because they cannot see their victims.

Current perspective after 1968: Michel Foucault (1926–1984): The power that observes us

The power

Michel Foucault showed that power is not only something that prohibits us, but also shapes us and tells us who we are and what we are allowed to say. Cyberbullying is about controlling the victim's digital visibility.

  • Foucault saw power not as something that only comes from above (from the state), but as many small relationships that surround us everywhere and shape our knowledge of ourselves.
  • Foucault explained that surveillance and the feeling of always being observed causes us to control and discipline ourselves.
  • He examined how knowledge (for example, about sexuality or mental health issues) and power are related. Those who possess and create knowledge also have power over others.

Digital control: how cyberbullying disciplines us

Foucault's ideas help us understand that cyberbullying is not just about direct insults, but a form of exercising power through constant observation and public disclosure. Perpetrators on the internet create a digital panopticon: victims never know exactly when or by whom they are being watched or attacked. The constant danger that intimate messages, embarrassing photos or false rumours will be published leads to self-discipline on the part of the victim. The victim begins to constantly monitor their behaviour online and in real life so as not to provide any targets for attack. The perpetrators' goal is to publicly punish and normalise the victim's identity (they should conform to the rules of the digital community).

Cyberbullying demonstrates how the power of visibility works. By producing and disseminating private information (often about the victim's sexuality, body or background), they create "knowledge" about the victim that diminishes their social value. This digital "knowledge" is then accepted as truth and serves to exclude and punish the victim.

Terms explained

Bad deeds are often committed out of thoughtlessness and a lack of imagination for the suffering of the victim, not out of monstrous motives.

The place where people come together as equals to speak and act freely and politically. Cyberbullying distorts this space.

A type of prison design in which the guards remain invisible but can see at all times. The feeling of being observed leads to self-control among the inmates. On the internet, this is the victim's constant fear of new publications.

Knowledge is not neutral, but is always created within power relations. Those who "know" how to expose someone digitally exercise power.

Food for thought

Are we already censoring our own posts and comments online because we are afraid that the digital masses might punish us for them?

Kathinka’s Take: Psychology Edition

Digital communication not only changes how we speak to one another, but also how violence can emerge and spread. Cyberbullying touches on central human needs: the desire for belonging, recognition, and safety. On the internet, direct feedback such as facial expressions, tone of voice, or tears is often missing. This distance lowers inhibitions. Things that would hardly be said in a face-to-face conversation are written and published more quickly. Anonymity and physical distance can have a disinhibiting effect.

For those affected, the burden is often particularly high because there are hardly any protected spaces to retreat to. The smartphone is constantly present, and hurtful content can reappear or be shared at any time. This can easily create a feeling of ongoing tension and loss of control. Shame, fear, or helplessness may intensify, especially when many people are watching or joining in. During adolescence in particular, when self-esteem strongly depends on social recognition, public humiliation can deeply shake one’s self-image.

Certain dynamics also influence the perpetrators. Peer pressure, the desire for attention or status, and the feeling of being part of a digital crowd can encourage aggressive behavior. When many people are involved, responsibility becomes diffused: each individual feels less accountable for the harm caused. In this way, a momentum can quickly develop that takes on a life of its own. Ultimately, cyberbullying highlights how vulnerable our need for recognition is—and how important it is to handle the power of the digital public sphere responsibly.

Further reading

Classic theorist

Hannah Arendt: The Human Condition (1958)

Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem: A Report on the Banality of Evil (1963)

Modern Theorist

Michel Foucault: Discipline and Punish: The Birth of the Prison (1975)

Michel Foucault: Sexuality and Truth (Volume 1: The Will to Knowledge, 1976)

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