19.(M) / 15. (F) Spieltag: Zivilisierung, Ungleichheit und der doppelte Spieltag – Civilization, Inequality, and the Double Matchday

Die Analyse (ernsthaft, mit einem Augenzwinkern) des letzten Spieltags im Männer- und Frauenfußball bietet eine ideale Bühne, um klassische und moderne soziologische Perspektiven zu kontrastieren. Während der 1. FC Nürnberg (Männer) in der 2. Bundesliga eine Niederlage hinnehmen musste, erkämpften sich die ClubFrauen in der Google Pixel Frauen-Bundesliga einen wichtigen Punkt. Diese unterschiedlichen Ergebnisse vor dem Hintergrund ungleicher Rahmenbedingungen beleuchten Kernthesen der Soziologie, von der Regulierung des Männlichen bis zur Perpetuierung sozialer Ungleichheiten.

Aufstellung

El Classico: Norbert Elias

Der moderne Männerfußball, betrachtet durch das Prisma des Zivilisationsprozesses, offenbart sich als ein hochgradig formalisierter und emotional kontrollierter Ersatz für die direktere, physische Auseinandersetzung, welche einst die männliche Kriegführung kennzeichnete. Im Zuge einer fortschreitenden Verfeinerung des Affekthaushaltes dient der Sport, ähnlich den Duellritualen in den Frühphasen der Staatsbildung, der Kanalisierung von Aggression und der Erzeugung von Spannung innerhalb eines streng reglementierten Rahmens. Der Wettbewerb wird zur kalkulierbaren Form, in welcher emotionale Spontaneität zugunsten einer strategischen Selbstkontrolle, einer „zweiten Natur“ des zivilisierten Menschen, zurückgedrängt wird. Die Niederlage des 1. FCN gegen Darmstadt (0:2) indiziert somit ein temporäres, wenngleich begrenztes, Versagen dieser internen Zwangsmechanismen: Eine numerische Überlegenheit (52 % Ballbesitz, 17 Torschüsse) vermochte nicht, sich in die notwendige Durchsetzungskraft umzusetzen; es fehlte die spezifische Art der kontrollierten Entschlossenheit. Die Kontertore des Gegners, insbesondere das entscheidende 2:0, demonstrieren einen Moment struktureller Schwäche, in dem die strategische Ordnung und die Affektkontrolle des Kollektivs unter dem Druck einer impulsiven Situation kollabierten – eine Miniatur eines zivilisatorischen Rückfalles in die Unmittelbarkeit.

Im Gegensatz dazu wirft der Frauenfußball die Frage nach der spezifischen gesellschaftlichen Funktion seiner Regulierung auf. Da das Feld der Frauen historisch nicht primär über die Regulierung männlicher Aggressionsschübe definiert wurde, verschiebt sich die zentrale Konfliktlinie. Hier wird der sportliche Wettkampf zu einer Arena, in der die Spielerinnen primär die gesellschaftlich auferlegte Ungleichheit und die daraus resultierenden strukturellen und ökonomischen Defizite zu bewältigen haben. Die Anstrengung zielt weniger auf die Zähmung archaischer Impulse, als vielmehr auf die kollektive Überwindung widriger sozialer Umstände, welche außerhalb des Spielfeldes herrschen und auf dieses zurückwirken.

Gegenpressing: Jutta Allmendinger

Die Analyse der jüngsten Spieltagsleistung im Frauenfußball erfordert einen soziologischen Blick, der die strukturellen Ungleichheiten und die daraus resultierende Doppelbelastung der Akteurinnen nicht ausblendet. In Anlehnung an die These zur Fortdauer sozialer Ungleichheit wird evident, dass der Frauenfußball, auch Jahrzehnte nach seiner formalen Anerkennung (nach 1968), in einem Rahmen operiert, der von systemischer Benachteiligung geprägt ist. Die Rahmenbedingungen – manifestiert in geringeren finanziellen Zuwendungen, einer deutlich reduzierten medialen Aufmerksamkeit und einer oft unzureichenden Infrastruktur im Vergleich zum Männerfußball – zementieren eine strukturelle Asymmetrie.

Vor diesem Hintergrund muss das 1:1-Unentschieden der Frauenmannschaft in Bremen nicht nur als sportliches Ergebnis, sondern als soziologische Leistung interpretiert werden. Gegen den Tabellendritten erkämpfte man einen Punkt, was die Beharrlichkeit und den hohen Einsatzwillen der Spielerinnen eindrücklich belegt. Dieser Erfolg ist ein Triumph gegen die vorherrschenden Ungleichheiten. Die Notwendigkeit, ständig personelle Ressourcen zu jonglieren, wie die Debüts von Lourdes Romero und Fany Proniez zeigen, ist ein direktes Symptom dieser strukturellen Engpässe. Die Spielerinnen sind gezwungen, eine anhaltende Doppelbelastung zu bewältigen, indem sie den anspruchsvollen Leistungssport mit beruflichen oder akademischen Verpflichtungen vereinbaren. Jeder einzelne erkämpfte Punkt gegen die etablierte Spitze der Liga ist somit ein sichtbarer Indikator für diese kontinuierliche Anstrengung, die die Spielerinnen abseits des Platzes leisten müssen, um im Sport kompetitiv zu bleiben. Ihr Erfolg ist die Folge einer individuellen und kollektiven Kraftanstrengung, die der strukturellen Benachteiligung tagtäglich entgegenwirkt.

Spielbericht

Die Gegenüberstellung der beiden Spielausgänge verdeutlicht exemplarisch die unterschiedlichen soziologischen Kontexte, in denen Männer- und Frauenfußball in Deutschland operieren. Während die Männer-Niederlage trotz maximaler Ressourcen und sozialer Absicherung lediglich eine technische Fehlleistung innerhalb des hegemonialen Rahmens darstellt – ein Versagen der Elias’schen „Zivilisierungsleistung“ und Effizienz – markiert das Unentschieden der Frauen einen strukturellen Erfolg. Ihr Punktgewinn, erzielt unter Bedingungen struktureller Benachteiligung (Doppelbelastung: Profifußball und parallele zweite Erwerbsbiographie) und durch Bestätigung weiblicher Professionalität statt männlicher Regulierung, liefert einen relevanten Prüfstein für Allmendingers Ungleichheitsforschung. Die Dichotomie offenbart somit die Diskrepanz zwischen sportlichem Misserfolg in einem privilegierten System (Männer) und moralisch-strukturellem Erfolg durch Durchsetzung gegen systemische Widerstände (Frauen).

19th (M) / 15th (F) Matchday: Civilization, Inequality, and the Double Matchday

The analysis (serious, with a wink) of the last match day in men’s and women’s soccer provides an ideal stage for contrasting classical and modern sociological perspectives.  While 1.  FC Nürnberg (men) suffered a defeat in the 2.  Bundesliga, the club’s women fought hard to earn an important point in the Google Pixel Women’s Bundesliga.  These differing results against the backdrop of unequal conditions shed light on core theses of sociology, from the regulation of masculinity to the perpetuation of social inequalities.

Lineup

El Classico: Norbert Elias

Viewed through the prism of the civilizing process, modern men’s soccer reveals itself to be a highly formalized and emotionally controlled substitute for the more direct, physical confrontation that once characterized male warfare.  In the course of a progressive refinement of emotional control, sport, similar to the dueling rituals in the early stages of state formation, serves to channel aggression and generate tension within a strictly regulated framework.  Competition becomes a calculable form in which emotional spontaneity is suppressed in favor of strategic self-control, a “second nature” of civilized man.  The defeat of 1.  FCN against Darmstadt (0:2) thus indicates a temporary, albeit limited, failure of these internal coercive mechanisms: Numerical superiority (52% possession, 17 shots on goal) failed to translate into the necessary assertiveness; the specific kind of controlled determination was lacking. The opponent’s counterattacking goals, especially the decisive 2:0, demonstrate a moment of structural weakness in which the strategic order and emotional control of the collective collapsed under the pressure of an impulsive situation – a miniature example of a civilizational relapse into immediacy.

In contrast, women’s soccer raises the question of the specific social function of its regulation. Since the field of women’s soccer has not historically been defined primarily by the regulation of male aggression, the central line of conflict shifts.  Here, athletic competition becomes an arena in which players must primarily overcome societally imposed inequality and the resulting structural and economic deficits.  The effort is aimed less at taming archaic impulses than at collectively overcoming adverse social circumstances that prevail outside the playing field and have an impact on it.

Counter Pressing: Jutta Allmendinger

Analyzing recent performances in women’s soccer requires a sociological perspective that does not ignore structural inequalities and the resulting double burden on female players.  Based on the thesis of the persistence of social inequality, it is evident that women’s soccer, even decades after its formal recognition (after 1968), operates within a framework characterized by systemic discrimination.  The framework conditions—manifested in lower financial support, significantly reduced media attention, and often inadequate infrastructure compared to men’s soccer—cement a structural asymmetry.

Against this backdrop, the women’s team’s 1-1 draw in Bremen must be interpreted not only as a sporting result, but also as a sociological achievement.  They fought hard to earn a point against the third-placed team, which is impressive proof of the players’ perseverance and high level of commitment.  This success is a triumph against the prevailing inequalities. The need to constantly juggle personnel resources, as demonstrated by the debuts of Lourdes Romero and Fany Proniez, is a direct symptom of these structural bottlenecks.  The players are forced to cope with a constant double burden, balancing demanding competitive sports with professional or academic commitments.  Every single point earned against the established leaders of the league is therefore a visible indicator of the continuous effort that players must make off the field to remain competitive in the sport.  Their success is the result of an individual and collective effort that counteracts structural disadvantage on a daily basis.

Match Report

The comparison of the two game outcomes exemplifies the different sociological contexts in which men’s and women’s soccer operate in Germany.  While the men’s defeat, despite maximum resources and social security, represents merely a technical error within the hegemonic framework—a failure of Elias’s “civilizing achievement” and efficiency – the women’s draw marks a structural success.  Their point gain, achieved under conditions of structural disadvantage (double burden: professional soccer and parallel second career) and through the affirmation of female professionalism instead of male regulation, provides a relevant touchstone for Allmendinger’s inequality research.  The dichotomy thus reveals the discrepancy between sporting failure in a privileged system (men) and moral-structural success through asserting oneself against systemic resistance (women).

Literatur(e)

Verwendet / Used

Allmendinger, J. (2020). Es geht nur gemeinsam! Wie wir endlich Geschlechtergerechtigkeit erreichen. Ullstein Taschenbuch, Berlin. (Impliziert durch die Thesen zur Ungleichheit im Frauenfußball)

Elias, N. (1994). Über den Prozeß der Zivilisation: Soziogenetische und Psychogenetische Untersuchungen (2. Aufl.). Suhrkamp.

Elias, N., & Dunning, E. (1986). Quest for Excitement: Sport and Leisure in the Civilizing Process. Blackwell

Empfohlen / Recommended

Thiel, A., & Seippel. (Hrsg.). (2018). Sociology of Sport in the 21st Century: An Integrated Introduction. Routledge. 

Venkatesh, S. A. (2009). Gang Leader for a Day: A Rogue Sociologist Takes to the Streets. Penguin Press.

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