Die neue "LTI" der Mamma Italiana? Klemperers Erbe im Zeitalter des “neuen” Nationalkonservatismus
Mein soziologisches Tagebuch [EN below]
Heute habe ich die Schlagzeile „Neue Rechte in Italien: Giorgia Meloni – La Mamma Italiana“ (DLF – Essay & Diskurs vom 25.01.26) ausgewählt. Der Kern der Meldung liegt in der Analyse der politischen Bewegung in Italien, die mit Giorgia Meloni eine post-faschistische Führerin an die Regierungsspitze gebracht hat. Im Zentrum steht dabei die Rhetorik der “Mamma Italiana” – eine strategische Selbstinszenierung, die traditionelle, familiäre und nationale Werte emotional auflädt, um eine starke kollektive Identität zu schaffen und zugleich eine Politik der Abgrenzung zu legitimieren.
Die soziologische Fragestellung
Drei Fragen, die ein/e Soziolog:in zu dieser Meldung stellen würde:
- Zur Kollektiven Identität: Wie genau funktioniert die emotionale Aufladung durch die Figur der „Mamma Italiana“ (Mutter, Nation, Gott) als selektiver Anreiz zur Herausbildung einer homogenen, von „den Eliten“ abgegrenzten national-konservativen kollektiven Identität?
- Zur Entpolitisierung der Sprache: Welche subtilen, nicht-aggressiven Sprachcodes werden verwendet, um ehemals radikale Positionen zu normalisieren und damit die soziologische Schwelle der Wahrnehmung für demokratische Erosion zu senken?
- Zur Geschlechterdimension: Wie verändert sich die gesellschaftliche Rolle der Frau und die symbolische Machtverteilung, wenn eine Frau die traditionell maskulinen Narrative von Nation und Härte durch eine ‘Mutter’-Metapher verkörpert?
Was sagt die klassische Soziologie dazu?
Victor Klemperer (1881-1960)
Klemperer analysierte in seinen Tagebüchern und vor allem in der “LTI – Lingua Tertii Imperii” die Sprache des Dritten Reiches. Klemperer zeigte, wie der Nationalsozialismus eine Sprache schuf, die nicht primär durch Befehle, sondern durch subtile, unbewusste Mechanismen wirkte: die ständige Wiederholung, die Emotionalisierung von Sachverhalten und die Infiltration des Alltags. Die LTI nutzte scheinbar harmlose Wörter wie “Fanatismus” (als Tugend) oder “Einsatz” (als Pflicht), um eine ideologische Normalität zu zementieren.
- Analyse der “Mamma Italiana”-Rhetorik: Klemperer würde hier die Emotionalisierung und die Trivialisierung des Politischen beobachten. Die Figur der “Mamma Italiana” entzieht Melonis Politik der Härte (Migration, EU-Skepsis) die politische Schärfe, indem sie sie in eine vermeintlich unpolitische, häusliche Metapher verpackt. Sie spricht nicht von “nationalistischem Ausschluss”, sondern von der “Verteidigung der Familie” und der “Heimat” – Begriffe, die Klemperer als emotionale Leerformeln der Ideologie identifizierte, die Zugehörigkeit suggerieren, aber Abgrenzung meinen.
- Popper’sche Unterscheidung: Gleichzeitig warnt Karl R. Popper in seiner Kritik am Historizismus davor, die Geschichte als deterministische Abfolge zu sehen. Klemperer lehrt uns die Mechanismen der Sprache, aber Popper erinnert uns daran, dass wir keine ehernen Gesetze des Untergangs ableiten dürfen. Die Technik der Entpolitisierung durch Sprache mag ähnlich sein, doch die strukturellen Bedingungen (demokratische Institutionen, EU-Einbettung, pluralistische Medien) sind fundamental anders. Wir lernen die rhetorischen Fallen, aber das Ergebnis ist nicht vorbestimmt.
Was sagt die heutige Soziologie dazu?
Didier Eribon (geb. 1953)
In seinen Werken, insbesondere in “Rückkehr nach Reims”, analysiert Eribon den Prozess der Abwanderung der Arbeiterklasse von linken zu rechten und extrem rechten Parteien.
- Analyse der “Mamma Italiana”-Rhetorik: Eribon würde die Meloni-Rhetorik als eine Identitätsofferte interpretieren. Die Linke hat sich oft auf liberale, urbane Identitäten und ökonomische Fragen konzentriert und dabei die “kulturellen” oder “moralischen” Sorgen der unteren Schichten (Angst vor Verlust der sozialen Stellung, traditionelle Geschlechterbilder, die Rolle der Religion) vernachlässigt. Meloni bietet mit dem Framing der “Mamma Italiana” diesen entfremdeten Wähler:innen eine neue, klare soziale Verortung: Stolz auf Nation und Familie als Ersatz für den verlorenen ökonomischen Klassenstolz. Es ist die Mobilisierung einer “Ethik der Authentizität” gegen die vermeintliche “Moral-Hybris” der globalisierten Eliten.
Als Sozialpsychologe und Theoretiker des Postkolonialismus beleuchtet Nandy die psychologischen und kulturellen Auswirkungen von Nationalismus, Gewalt und Identität in nicht-westlichen Kontexten.
- Analyse der “Mamma Italiana”-Rhetorik: Nandy würde die Inszenierung der “Mamma Italiana” im Kontext einer breiteren globalen Reaktion auf die kulturelle Globalisierung sehen. Er würde fragen, inwiefern die Betonung der Mutter eine psychologische Abwehr gegen die kulturelle Entwurzelung und die Unübersichtlichkeit der Moderne darstellt. In vielen postkolonialen oder historisch verwundeten Nationen (auch Italien mit seiner tiefen Vergangenheit) dient die Metapher der nährenden, aber auch wehrhaften Mutter/Nation als Anker in Zeiten des kulturellen Auseinanderdriftens. Es ist der Versuch, kulturelle Sicherheit gegen die politische und ökonomische Unsicherheit zu tauschen, wie sie etwa die EU-Bürokratie oder Migrationsbewegungen symbolisieren.
Über die Soziologie hinaus: Politikwissenschaft
Karl Rudolf Korte (geb. 1958)
Die Politikwissenschaft (z.B. im Bereich der Populismusforschung) würde die Meloni-Rhetorik nicht primär über die Sprache (Klemperer) oder Identität (Eribon) analysieren, sondern über Macht und Institutionen.
- Kontrast: Während die Soziologie fragt, warum Menschen Meloni wählen (Identität, Sprache, Normen), fragt die Politikwissenschaft eher, wie sie die Macht erlangt und ausübt. Der Fokus liegt auf dem populistischen Stil (direkte Ansprache, Anti-Establishment-Rhetorik) und dem Umgang mit demokratischen Institutionen (Justiz, Pressefreiheit, EU-Verträge). Sie sehen die “Mamma Italiana”-Figur als strategische Maske in einem institutionellen Machtkampf, die dazu dient, die Grenzen der liberalen Demokratie auszutesten.
- Zusammenführung: Erst das soziologische Verständnis der emotionalen Bindung (Klemperer) erklärt, warum die populistische Strategie (Politikwissenschaft) so effektiv ist. Die Rhetorik schafft die soziale Basis, die Populisten für ihre institutionellen Angriffe benötigen.
Die Analyse der “Mamma Italiana”-Rhetorik mittels Klemperers LTI-Konzept zeigt, dass die gefährlichsten politischen Verschiebungen oft nicht mit aggressivem Vokabular, sondern mit emotionaler, normalisierender Alltags- und Familiensprache beginnen. Melonis Framing mobilisiert nicht nur Wut, sondern vor allem die Sehnsucht nach Ordnung und Zugehörigkeit.
Der Ausblick ist der Popper’sche Appell: Wir müssen die Techniken der Verführung (Klemperer) erkennen und benennen. Aber wir dürfen die Geschichte nicht als unentrinnbares Schicksal sehen. Die Lehre der Vergangenheit ist nicht, dass es wieder passieren muss, sondern dass wir die Gefährdung der “Offenen Gesellschaft” durch die Sprache und die Erosion der Toleranz ernst nehmen müssen. Der Unterschied liegt heute in unserer Reflexionsfähigkeit und den immer noch robusten Institutionen der EU und der Presse. Das macht die Lage ernst, aber nicht hoffnungslos.
Wenn die Sprache der Politik die subtilsten Codes des Alltags infiltriert: An welchen drei alltäglichen Memes (Bilder, Slogans, Witze) in deinem Social-Media-Feed erkennst du heute die entpolitisierende Rhetorik der Neuen Rechten oder des Populismus?
Nutze für deine Recherchen zu politischer Rhetorik und Populismus die Datenbank EBSCOhost (speziell SocINDEX und Political Science Complete). Suchbegriffe sind:
“populist rhetoric” AND “gendered language”, “Klemperer LTI” AND contemporary politics, oder “meloni” AND discourse analysis.
für Einsteiger:innen:
Viktor Klemperer: LTI – Lingua Tertii Imperii: Notizbuch eines Philologen (1947). Der Klassiker. Klemperer seziert, wie ein totalitäres Regime Sprache als subtilstes Machtinstrument nutzte. Faszinierend und erschreckend aktuell in der Beobachtung, wie Alltagssprache ideologisch verseucht wird.
für eine fortgeschrittene soziologische Denkweise:
Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (1945). Unverzichtbar für die philosophische Erdung der politischen Soziologie. Popper liefert das intellektuelle Rüstzeug gegen den Historizismus und ist damit die methodische Klammer für die Klemperer-Lektüre: Lerne die Mechanismen, aber widerstehe der historischen Determiniertheit.
aus der Politikwissenschaft:
Karl-Rudolf Korte, Manuel Fröhlich: Politik und Regieren in Deutschland, Strukturen, Prozesse, Entscheidungen. Paderborn u. a.: Schöningh/UTB 2009 (3. Aufl.).
The New "LTI" of the Mamma Italiana? Klemperer's Legacy in the Age of National Conservatism
Today, I chose the headline “New Right in Italy: Giorgia Meloni – La Mamma Italiana” (DLF – Essay & Diskurs from January 25, 2026). The core of the report lies in the analysis of the political movement in Italy that has brought Giorgia Meloni, a post-fascist leader, to the head of the government. At the center of this is the rhetoric of the “Mamma Italiana” – a strategic self-presentation that emotionally charges traditional, family, and national values in order to create a strong collective identity and, at the same time, legitimize a policy of exclusion.
Three questions a sociologist would ask about this report:
- On collective identity: How exactly does the emotional charge of the figure of the “Mamma Italiana” (mother, nation, God) function as a selective incentive for the formation of a homogeneous, national-conservative collective identity that is distinct from “the elites”?
- On the depoliticization of language: What subtle, non-aggressive language codes are used to normalize formerly radical positions and thus lower the sociological threshold of perception for democratic erosion?
- On the gender dimension: How does the social role of women and the symbolic distribution of power change when a woman embodies the traditionally masculine narratives of nation and toughness through a “mother” metaphor?
What classical Sociology would say
Victor Klemperer (1881-1960)
Klemperer analyzed the language of the Third Reich in his diaries and, above all, in “LTI – Lingua Tertii Imperii.” Klemperer showed how National Socialism created a language that worked not primarily through commands, but through subtle, unconscious mechanisms: constant repetition, the emotionalization of facts, and the infiltration of everyday life. The LTI used seemingly harmless words such as “fanaticism” (as a virtue) or ‘commitment’ (as a duty) to cement an ideological normality.
- Analysis of the “Mamma Italiana” rhetoric: Klemperer would observe the emotionalization and trivialization of politics here. The figure of the “Mamma Italiana” removes the political sharpness from Meloni’s harsh policies (migration, EU skepticism) by packaging them in a supposedly apolitical, domestic metaphor. She does not speak of “nationalist exclusion,” but of “defending the family” and the “homeland.” — terms that Klemperer identified as emotional empty phrases of ideology that suggest belonging but mean separation.
- Popper’s distinction: At the same time, Karl R. Popper warns in his critique of historicism against viewing history as a deterministic sequence. Klemperer teaches us the mechanisms of language, but Popper reminds us that we must not derive iron laws of doom. The technique of depoliticization through language may be similar, but the structural conditions (democratic institutions, EU integration, pluralistic media) are fundamentally different. We learn the rhetorical traps, but the outcome is not predetermined.
What contemporary Sociology says
Didier Eribon (born 1953)
In his works, particularly in Return to Reims, Eribon analyzes the process of the working class’s shift from left-wing to right-wing and far-right parties.
- Analysis of the “Mamma Italiana” rhetoric: Eribon would interpret Meloni’s rhetoric as an identity offer. The left has often focused on liberal, urban identities and economic issues, neglecting the “cultural” or “moral” concerns of the lower classes (fear of losing social status, traditional gender roles, the role of religion). With her framing of the “Mamma Italiana,” Meloni offers these alienated voters a new, clear social positioning: pride in nation and family as a substitute for lost economic class pride. It is the mobilization of an “ethics of authenticity” against the supposed “moral hubris” of globalized elites.
As a social psychologist and theorist of postcolonialism, Nandy examines the psychological and cultural effects of nationalism, violence, and identity in non-Western contexts.
- Analysis of the “Mamma Italiana” rhetoric: Nandy would see the staging of the “Mamma Italiana” in the context of a broader global reaction to cultural globalization. He would ask to what extent the emphasis on the mother represents a psychological defense against cultural uprooting and the complexity of modernity. In many postcolonial or historically wounded nations (including Italy with its deep past), the metaphor of the nurturing but also defensive mother/nation serves as an anchor in times of cultural drift. It is an attempt to exchange cultural security for political and economic uncertainty, as symbolized by EU bureaucracy or migration movements, for example.
Beyond Sociology: Political Science
Karl Rudolf Korte (geb. 1958)
Political science (e.g., in the field of populism research) would not primarily analyze Meloni’s rhetoric in terms of language (Klemperer) or identity (Eribon), but rather in terms of power and institutions.
- Contrast: While sociology asks why people vote for Meloni (identity, language, norms), political science tends to ask how she gains and exercises power. The focus is on populist style (direct address, anti-establishment rhetoric) and the handling of democratic institutions (judiciary, freedom of the press, EU treaties). They see the “Mamma Italiana” figure as a strategic mask in an institutional power struggle that serves to test the limits of liberal democracy.
- Conclusion: Only a sociological understanding of emotional attachment (Klemperer) explains why the populist strategy (political science) is so effective. Rhetoric creates the social basis that populists need for their institutional attacks.
The analysis of “Mamma Italiana” rhetoric using Klemperer’s LTI concept shows that the most dangerous political shifts often begin not with aggressive vocabulary, but with emotional, normalizing everyday and family language. Meloni’s framing mobilizes not only anger, but above all the longing for order and belonging.
The outlook is Popper’s appeal: we must recognize and name the techniques of seduction (Klemperer). But we must not see history as an inescapable fate. The lesson of the past is not that it must happen again, but that we must take seriously the threat to the “open society” posed by language and the erosion of tolerance. The difference today lies in our capacity for reflection and the still robust institutions of the EU and the press. This makes the situation serious, but not hopeless.9. Sociological brain teaser
When the language of politics infiltrates the most subtle codes of everyday life: Which three everyday memes (images, slogans, jokes) in your social media feed today reveal the depoliticizing rhetoric of the New Right or populism?
Use the EBSCOhost database (specifically SocINDEX and Political Science Complete) for your research on political rhetoric and populism. Search terms are:
“populist rhetoric” AND “gendered language,” “Klemperer LTI” AND contemporary politics, or “meloni” AND discourse analysis.
for beginners:
Viktor Klemperer: LTI – Lingua Tertii Imperii: Notebook of a Philologist (1947). The classic. Klemperer dissects how a totalitarian regime used language as the most subtle instrument of power. Fascinating and frighteningly relevant in its observation of how everyday language becomes ideologically contaminated.
for an advanced sociological way of thinking:
Karl R. Popper: The Open Society and Its Enemies (1945). Indispensable for the philosophical grounding of political sociology. Popper provides the intellectual tools to combat historicism, thus serving as the methodological framework for reading Klemperer: learn the mechanisms, but resist historical determinism.
from Political Science:
Karl-Rudolf Korte, Manuel Fröhlich: Politik und Regieren in Deutschland, Strukturen, Prozesse, Entscheidungen. Paderborn u. a.: Schöningh/UTB 2009 (3. Aufl.).