Substanzkonsum im Wandel: Ursachen und Psyche
Um was es in diesem Text geht:
In vielen Ländern beobachten Fachleute seit Jahren ein ähnliches Muster: Bestimmte Substanzen werden häufiger konsumiert. Alkohol bleibt gesellschaftlich präsent, Cannabis wird in einigen Regionen legalisiert, Nikotin erlebt durch E-Zigaretten ein Comeback, und auch der riskante Konsum von Opioiden oder Stimulanzien beschäftigt das Gesundheitssystem zunehmend. Hinter diesen Zahlen stehen keine abstrakten Trends. Es stehen Menschen dahinter: Jugendliche, die dazugehören wollen; Erwachsene, die unter Druck stehen; Menschen, die schlafen möchten, vergessen möchten, sich beruhigen oder sich lebendig fühlen möchten.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur: Warum wird mehr konsumiert?
Sondern auch: Was macht Substanzkonsum psychologisch so wirksam und wann spricht man von einer Störung?
Psychologische Fragestellung
Wenn Psycholog:innen dieses Phänomen betrachten, fragen sie:
Wann sprechen wir von einer substanzbezogenen Störung?
Nicht jeder Konsum ist automatisch eine Störung. Viele Menschen probieren Substanzen aus oder konsumieren gelegentlich, ohne langfristige Probleme zu entwickeln. Entscheidend ist nicht die bloße Einnahme, sondern das Muster, das sich im Laufe der Zeit entwickelt.
Die Internationale Klassifikation psychischer Störungen (ICD-11) beschreibt substanzbezogene Störungen als Zustände, bei denen der Konsum wiederholt auftritt und mit Kontrollverlust, starkem inneren Drang und fortgesetztem Gebrauch trotz negativer Folgen verbunden ist. Charakteristisch sind unter anderem eine verminderte Fähigkeit, Beginn, Menge oder Beendigung des Konsums zu steuern, eine zunehmende Priorisierung der Substanz im Alltag sowie physiologische Merkmale wie Toleranzentwicklung oder Entzugssymptome.
Von der Freiwilligkeit zur Automatisierung
Psychologisch betrachtet zeigt sich häufig ein Prozess:
Was zunächst freiwillig beginnt, wird mit der Zeit automatisiert. Entscheidungen werden enger und werden nicht mehr ganz freiwillig gefällt. Der Handlungsspielraum wird kleiner. Die Substanz rückt in den Mittelpunkt des Alltags.
Betroffene berichten oft, dass sie eigentlich weniger konsumieren wollten, es aber nicht mehr zuverlässig schaffen. Dieser innere Konflikt ist belastend. Viele erleben Scham, Schuld oder Selbstabwertung.
Gerade hier ist deshalb wichtig zu betonen:
Abhängigkeit ist keine Frage mangelnder Moral oder Disziplin. Sie ist das Ergebnis von Lernprozessen im Gehirn, emotionaler Regulation und sozialer Einbettung. Das ICD-11 beschreibt sie als psychische Störung – nicht als Charakterfehler!
Das Gehirn: Wenn „Wollen“ stärker wird als „Mögen“
Ein zentraler Faktor bei der Entstehung von Abhängigkeit ist das Belohnungssystem im Gehirn. Es sorgt mithilfe des Botenstoffs Dopamin dafür, dass wir wichtige und hilfreiche Erfahrungen abspeichern und wiederholen. Wenn wir zum Beispiel essen, soziale Anerkennung bekommen oder ein persönliches Ziel erreichen, wird Dopamin ausgeschüttet – wir erleben das als positiv und sind motiviert, uns ähnlich zu verhalten.
Genau dieses System wird auch beim Substanzkonsum aktiviert. Lange nahm man an, Menschen konsumieren Drogen vor allem, weil sie sich gut anfühlen. Heute weiß man, dass man zwischen „Mögen“ (dem tatsächlichen Genuss) und „Wollen“ (dem starken Verlangen) unterscheiden muss.
Bei einer Abhängigkeit kann sich das „Wollen“ vom „Mögen“ lösen: Das Verlangen nach der Substanz wird immer stärker, auch wenn der Konsum kaum noch angenehm ist. Bestimmte Reize wie Orte, Gerüche oder Situationen lösen dann automatisch intensives Verlangen aus.
Gleichzeitig nimmt der Genuss ab, es entsteht Toleranz – man braucht mehr von der Substanz, um überhaupt noch etwas zu spüren.
Das ist das Paradox der Sucht: Man jagt einem Gefühl hinterher, das immer schwächer wird, während das Verlangen immer stärker wird. Zusätzlich werden Hirnbereiche geschwächt, die für Planung und Selbstkontrolle zuständig sind. Dadurch fällt es zunehmend schwer, dem Impuls zu widerstehen. Abhängigkeit ist somit auch eine Störung der Selbstregulation im Gehirn.
Das Gehirn: Wenn „Wollen“ stärker wird als „Mögen“
Nicht alle Menschen entwickeln aus denselben Gründen eine Abhängigkeit. Häufig lassen sich drei typische Wege erkennen, die sich auch überschneiden können.
Manche erleben Substanzen als besonders angenehm. Sie fühlen sich entspannter, selbstbewusster oder glücklicher. Diese positiven Erfahrungen führen dazu, dass sie häufiger konsumieren – weil sie erwarten, dass es ihnen wieder guttut.
Andere nutzen Substanzen vor allem, um mit Stress, Angst oder Traurigkeit umzugehen. Kurzfristig fühlen sie sich erleichtert. Langfristig bleiben die Probleme aber bestehen, und die Substanz wird immer wichtiger, um Gefühle zu regulieren.
Menschen mit früher Impulsivität oder Schwierigkeiten in der Selbstkontrolle haben ein höheres Risiko. Wenn dann noch belastende Lebensumstände wie Konflikte oder Misserfolge dazukommen, kann Konsum Teil eines allgemeinen Risikoverhaltens werden.
Diese Wege sind keine festen Schubladen. Sie zeigen aber, dass Abhängigkeit meist durch das Zusammenspiel von Persönlichkeit, Erfahrungen und Lebenssituation entsteht.
Komorbidität: Wenn psychische Störungen zusammen auftreten
Substanzbezogene Störungen treten oft nicht allein auf. Häufig bestehen gleichzeitig andere psychische Erkrankungen wie ADHS, Depressionen, Angststörungen, Essstörungen oder psychotische Störungen.
Manchmal kommt zuerst die psychische Belastung: Eine depressive Person trinkt zum Beispiel Alkohol, um sich kurzfristig besser zu fühlen. In anderen Fällen verstärkt der Konsum vorhandene Symptome oder löst neue Probleme aus. So beeinflussen sich beide Seiten gegenseitig.
Das macht die Diagnose und Behandlung komplex aber auch besonders wichtig, weil meist mehrere Bereiche gleichzeitig berücksichtigt werden müssen.
Substanzkonsum im Jugendalter: Funktion statt „Rebellion“
Wenn Jugendliche Substanzen konsumieren, wird das oft schnell als „Rebellion“ bezeichnet. Meist steckt jedoch mehr dahinter. Jugendliche suchen Zugehörigkeit, wollen selbstständiger werden und erleben Gefühle besonders intensiv. Substanzen wirken dann wie eine schnelle Lösung: Sie nehmen Hemmungen, erleichtern Kontakte oder helfen, unangenehme Gefühle zu dämpfen.
Belohungssystem & Funktion
Dabei spielt auch die Entwicklung des Gehirns eine Rolle. Das Belohnungssystem ist im Jugendalter schon sehr aktiv, während Bereiche für Selbstkontrolle und langfristiges Denken noch nicht vollständig ausgereift sind. Dadurch wirken starke Reize besonders intensiv, und Impulse lassen sich schwerer bremsen. Gleichzeitig unterscheiden sich Jugendliche: Manche reagieren besonders stark auf positive Effekte, andere nutzen Substanzen, um Stress zu bewältigen oder haben Schwierigkeiten mit Impulskontrolle.
Kurzfristig kann Konsum also sehr wohl bestimmte Funktionen erfüllen. Problematisch wird es, wenn Jugendliche nur noch so mit Gefühlen oder Problemen umgehen. Eigentlich geht es in der Pubertät darum, neue Fähigkeiten im Umgang mit Stress, Beziehungen und Emotionen zu lernen. Wenn Substanzen diese Lernprozesse ersetzen, steigt jedoch langfristig das Risiko für eine Abhängigkeit.
Eine gesellschaftliche Perspektive: Verstehen statt verurteilen
Wenn wir steigenden Konsum beobachten, sollten moralische Urteile mit den Fragen ersetzt werden, welche Bedürfnisse und Belastungen dahinter stehen und welche sozialen Rahmenbedingungen diese Entwicklungen fördern.
Abhängigkeit als Ergebnis
Abhängigkeit entsteht nicht über Nacht. Sie ist das Ergebnis wiederholter Erfahrungen, neurobiologischer Anpassungen und emotionaler Dynamiken. Hinter jeder Sucht steht oft ein Versuch, mit etwas umzugehen – sei es mit Stress, Einsamkeit, Leistungsdruck oder unverarbeiteten Belastungen.
Das bedeutet nicht, Konsum zu verharmlosen. Die gesundheitlichen und sozialen Folgen sind vorhanden und ernst. Aber ein rein moralischer Blick verstärkt Stigmatisierung und verhindert oft, dass Betroffene Hilfe suchen.
Gesellschaftlich brauchen wir daher zwei Dinge gleichzeitig:
In welchen Momenten greife ich eher zu einer Substanz – und was fühle ich in diesen Situationen?
Arnaud, N. & Thomasisu, R. (2021). Störungen durch Substanzgebrauch und abhängige Verhaltensweisen in der ICD-11. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie, 49, 486-489.
Arnaud, N. & Thomasius, R. (2019). Substanzmissbrauch und Abhängigkeit bei Kindern und Jugendlichen. Stuttgart: Kohlhammer
Bericht zur Drogensituation 2023. Wien: Gesundheit Österreich GmbH & Bundesministerium für Gesundheit.
Berridge, K.C. & Robinson, T.E. (2016) Liking, wanting, and the incentive-sensitization theory of addiction. American Psychologist, 71, 670-679.
Thomasius, R. et al (2022). CAN Stop. Ein Gruppentraining für junge Cannabiskonsumenten. Göttingen: Hogrefe.
Weis, R. (2008). Introduction to Abnormal Child and Adolescent Psychology. Los Angeles. Sage Publikation
Substance Use in Transition: Causes and Psychological Factors
In many countries, professionals have observed a similar pattern for years: certain substances are being used more frequently. Alcohol remains socially present, cannabis is being legalized in some regions, nicotine is experiencing a comeback through e-cigarettes, and risky use of opioids or stimulants is increasingly challenging the healthcare system.
Behind these numbers are not abstract trends. There are people behind them: adolescents who want to belong; adults under pressure; individuals who want to sleep, forget, calm down, or feel alive.
The key question is therefore not only: Why is consumption increasing?
But also: What makes substance use psychologically so powerful, and when do we speak of a disorder?
When psychologists look at this phenomenon, they ask:
When Do We Speak of a Substance-Related Disorder?
Not every use automatically represents a disorder. Many people experiment with substances or use them occasionally without developing long-term problems. What matters is not the mere intake, but the pattern that develops over time.
The International Classification of Diseases (ICD-11) describes substance-related disorders as conditions in which use occurs repeatedly and is associated with loss of control, strong internal craving, and continued use despite negative consequences. Typical features include reduced ability to control the onset, amount, or termination of use, increasing prioritization of the substance in daily life, and physiological characteristics such as tolerance development or withdrawal symptoms.
From voluntariness to automation
Psychologically, a process often becomes visible:
What begins voluntarily becomes increasingly automated over time. Decisions become narrower and are no longer completely voluntary. The room for action becomes smaller. The substance moves to the center of daily life.
Many affected individuals report that they actually wanted to reduce their use but are no longer able to do so reliably. This internal conflict is distressing. Many experience shame, guilt, or self-devaluation.
It is therefore important to emphasize:
Addiction is not a matter of weak morals or lack of discipline. It is the result of learning processes in the brain, emotional regulation, and social embedding. The ICD-11 defines it as a mental disorder – not a character flaw.
The Brain: When “Wanting” Becomes Stronger Than “Liking”
A central factor in the development of addiction is the brain’s reward system. With the help of the neurotransmitter dopamine, it ensures that we store and repeat important and helpful experiences. For example, when we eat, receive social recognition, or achieve a personal goal, dopamine is released. We experience this as positive and feel motivated to behave in a similar way again.
From "liking" to "wanting"
This same system is also activated during substance use. For a long time, it was assumed that people mainly use drugs because they feel good. Today we know that we must distinguish between “liking” (the actual pleasure) and “wanting” (the strong desire).
In addiction, “wanting” can become separated from “liking.” The craving for the substance grows stronger even when the experience itself is no longer very pleasant. Certain cues such as places, smells, or situations can automatically trigger intense desire.
At the same time, pleasure decreases and tolerance develops — more of the substance is needed to feel anything at all.
This is the paradox of addiction:
One chases a feeling that becomes weaker and weaker, while the desire becomes stronger and stronger.
In addition, brain regions responsible for planning and self-control become weakened. As a result, resisting impulses becomes increasingly difficult. Addiction is therefore also a disorder of self-regulation in the brain.
Why Is Consumption Increasing? Three Psychological Developmental Pathways
Not all people develop addiction for the same reasons. Three typical pathways can often be identified, and they may overlap.
Some individuals experience substances as especially pleasant. They feel more relaxed, confident, or happy. These positive experiences lead them to use more frequently because they expect it will feel good again.
Others mainly use substances to cope with stress, anxiety, or sadness. In the short term, they feel relief. In the long term, however, the problems remain, and the substance becomes increasingly important for regulating emotions.
Individuals with early impulsivity or difficulties in self-control have a higher risk. When additional stressful life circumstances such as conflicts or failures occur, substance use can become part of a broader pattern of risk behavior.
These pathways are not fixed categories. They show that addiction usually develops through the interaction of personality, experiences, and life situation.
Comorbidity: When Mental Disorders Occur Together
Substance-related disorders often do not occur alone. Other mental disorders such as ADHD, depression, anxiety disorders, eating disorders, or psychotic disorders frequently exist at the same time.
Sometimes the psychological burden comes first. For example, a person with depression may drink alcohol to feel better in the short term. In other cases, substance use worsens existing symptoms or triggers new problems. Both sides influence each other.
This makes diagnosis and treatment complex, but also especially important, because multiple areas often need to be addressed at the same time.
Substance Use in Adolescence: Function Rather Than “Rebellion”
Consumption as a solution?
When adolescents use substances, it is often quickly labeled as “rebellion.” In reality, there is usually more behind it. Adolescents seek belonging, want to become more independent, and experience emotions very intensely. Substances can appear to be a quick solution: they reduce inhibitions, make social contact easier, or help dampen unpleasant feelings.
Brain development also plays a role. During adolescence, the reward system is already highly active, while areas responsible for self-control and long-term thinking are not yet fully mature. As a result, intense stimuli feel especially powerful, and impulses are harder to control. At the same time, adolescents differ: some react very strongly to positive effects, others use substances to cope with stress or struggle with impulse control.
In the short term, substance use can indeed fulfill certain functions. Problems arise when adolescents rely only on substances to deal with emotions or difficulties. Adolescence is actually a time to develop new skills for handling stress, relationships, and emotions. When substances replace these learning processes, the long-term risk of addiction increases.
A Societal Perspective: Understanding Instead of Judging
When we observe increasing consumption, moral judgment should be replaced by questions about underlying needs, burdens, and social conditions that promote these developments.
Addiction does not develop overnight. It is the result of repeated experiences, neurobiological adaptations, and emotional dynamics. Behind every addiction there is often an attempt to cope — with stress, loneliness, performance pressure, or unresolved burdens.
This does not mean trivializing substance use. The health and social consequences are real and serious. But a purely moral perspective increases stigma and often prevents people from seeking help.
As a society, we therefore need two things at the same time:
In which moments am I more likely to use a substance — and what am I feeling in those situations?
Arnaud, N. & Thomasisu, R. (2021). Störungen durch Substanzgebrauch und abhängige Verhaltensweisen in der ICD-11. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie, 49, 486-489.
Arnaud, N. & Thomasius, R. (2019). Substanzmissbrauch und Abhängigkeit bei Kindern und Jugendlichen. Stuttgart: Kohlhammer
Bericht zur Drogensituation 2023. Wien: Gesundheit Österreich GmbH & Bundesministerium für Gesundheit.
Berridge, K.C. & Robinson, T.E. (2016) Liking, wanting, and the incentive-sensitization theory of addiction. American Psychologist, 71, 670-679.
Thomasius, R. et al (2022). CAN Stop. Ein Gruppentraining für junge Cannabiskonsumenten. Göttingen: Hogrefe.
Weis, R. (2008). Introduction to Abnormal Child and Adolescent Psychology. Los Angeles. Sage Publikation